zweiundvierzig.

Etwa gegen Anfang 2008 hatte sich die zu dieser Zeit Forumsbeauftragte Andrea, die unter muff-potter.net eine Fanpage und unter muff-potter.de das dazugehörige Messageboard betrieb, aus mir nicht bekannten Gründen dazu entschieden, ihre Aktivitäten nicht mehr fortzuführen. Dem Aufruf der Band zum Aufbau einer neuen Plattform inkl. Übernahme von Streetteam-Gedöns bin neben meinem guten Freund  Freund Gavin und dem uns beiden bis heute nicht wirklich bekannten Jens auch ich gefolgt (die beiden nutzen das Internet offenbar mittlerweile zu seriösen Zwecken, während ich immer noch nur so nerdigen Underground-Kram betreibe. Wer Andrea eigentlich ist und was aus ihr wurde, weiß ich nicht). Gemeinsam bauten wir unter die-bordsteinkante.de ein recht schick anzusehendes Forums- und News-Portal auf, das glücklicherweise von den meisten der bisherigen muff-potter.de-Nutzern wohlgesonnen und aktiv angenommen wurde. Daß es überhaupt dazu kommen würde, war zwei Jahre zuvor für mich nicht abzusehen, denn ich hatte mich sehr lange dagegen gesträubt, die Band muff potter. gut zu finden oder mich überhaupt mit ihr zu beschäftigen, da ich mich in meiner Schul- und Jugendzeit leichtfertig dazu entschlossen hatte, alle Bands aus dem Ems- und Münsterland kategorisch als minderwertige Provinzbands wahrzunehmen. Tja. Immerhin war ich lange konsequent und schloss neben diversen Schüler- und Amateurbands eben auch die damals schon landesweit bekannten Donots und eben muff potter. aus. Rheine war für mich lange Zeit nicht mehr als der Ort des ersten Konsums. Media Markt, Karstadt, Kino. Mit der Bahn brauchte ich schon damals nur 12 Minuten. Manchmal habe ich mir ein reguläres Ticket gekauft, meistens habe ich mir ein Kinderticket gekauft und mich zu einer Gruppe jüngerer Schüler gesetzt, später habe ich mir meistens gar keine Fahrkarte gekauft, weil die Kontrolleure meistens in Rheine zu- bzw. ausgestiegen sind. Der Vorteil einer kleinen Stadt am Arsch der Welt.

Die Abneigung gegen besagte Bands will sich auch nicht so recht ändern, als ich mir im Frühjahr 2006 von irgendeiner halbwegs seriösen dubiosen Seite das Von Wegen-Album runterlade (und erst anderthalb Jahre später feststellen werde, daß Den Haag fehlt). Zwar finde ich es recht witzig, daß die Band beim Essen.Original im selben Jahr während des Auftritts von Olli Schulz & der Hund Marie als Curly Crüe über die Bühne springt, aber den nachfolgenden Auftritt verbringe ich lieber damit, vor der Sparkasse sitzend Karten zu spielen. Von muff potter. sehe ich an diesem Abend vielleicht einen oder zwei der letzten Songs, um einen guten Platz für das nachfolgende Konzert von Tomte zu bekommen. In den nachfolgenden Monaten höre ich immer mal wieder sporadisch in Von wegen rein, spüre aber offenbar keinen Funken.
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Streifzüge

Als ich vor ein paar Wochen an einem Kiosk unter der Seilbahn im Lissaboner Zoo vorbeiging, lief im Radio eine Meldung über den Nobelpreisgewinn Bob Dylans. Da ich mich im Verständnis iberoromanischer Sprachen irgendwie ungeschickt verhalte und mit den Nobelzyklen nicht firm war und mittlerweile schon wieder nicht mehr bin, aber annahm, daß es ansonsten keine nennenswerten Neuigkeiten geben konnte, musste ich vorerst davon ausgehen, daß es sich um eine Todesmeldung handelte. Genau wusste ich es nicht; die Bedienung nach einer Übersetzung zu fragen vermochte ich nicht. „Ich glaube, Bob Dylan ist gestorben“, gab ich erstmal einigermaßen gleichgültig weiter. Besser wusste ich es ja nicht und erst recht nicht genau, ob es überhaupt stimmte. Wohl aber wusste ich, daß zumindest dieser Urlaubsabend mindestens einigermaßen ruiniert wäre, wenn sich die Vermutung bestätigen würde. Ein paar Stunden später konnte ich im Hotel nachsehen, worum es zuvor wirklich ging und beruhigt feststellen, daß Bob Dylan nur den Literaturnobelpreis zugesprochen bekommen hatte. Den vermeintlichen Tod Bob Dylans aus dem Radio zu erfahren, fand ich – insbesondere der Vagheit des Verständnisses geschuldet – auf eine sehr zynische Weise übrigens relativ witzig, weil es sich um einen sich selbst erfüllenden Robert Zimmermann-Running Gag gehandelt hätte, in dem ein von Christian Ulmen gesprochener Radiomoderator verkündet: „Bob Dylan ist tot … kleiner Scherz, der ist ja nicht totzukriegen.“ (vgl. Haußmann, Leander (2008): Robert Zimmermann wundert sich über die Liebe)

Vor ein paar Tagen – oder lasst es Wochen sein – gab es auf der Leonard Cohen-Facebookseite einen Post eines Bildes, das wie ein klassisches Nachrufbild aussah. War es nicht. Es war Werbung für das neue Album You Want It Darker. Wenig später war ich ein paar Male in Hamburg, stand am Hauptbahnhof am S-Bahn-Bahnsteig Richtung Altona neben dem gleichen Motiv auf A1-Plakaten, überlegte, ein albernes Selfie für Snapchat zu machen, „Leonard und ich“ oder sowas. Vor ungefähr zwei Stunden wurde ein ähnliches – oder das gleiche? – Bild auf Leonard Cohens Facebook-Seite veröffentlicht. „Huch“, dachte ich kurz und dann „… ach ja … Werbung.“ Das dachte ich so lange, bis ich die ersten Kommentare las. „Oh“, dachte ich dann.

2012 hatte ich ein Ticket für ein Konzert von Leonard Cohen in der Waldbühne, Block A2, nicht ganz 80 EUR. Ich habe es ein paar Tage vorher verkauft, weil ich mir nicht sicher war, ob ich zu diesem Preis ein dreistündiges Konzert von einem Künstler sehen möchte, von dem ich kaum Lieder kenne. Ich bereue es bis heute nur selten und wenn, dann auch nicht sehr stark. Warum? Weil Leonard Cohen bisher nicht viel mehr als ein paar lose Eindrücke in meinem Leben hinterließ. Das 2012er Album Old Ideas hatte ich mir zwar zügig gekauft und aufgrund dessen auch die Konzertkarte, wirklich festigen konnte es sich aber nicht wirklich: ich habe es seit Dezember 2012 kein einziges Mal gehört. Live in London fand ich 2010 fantastisch, habe die DVD aber nur einmalig zum zweiten Jahrestag dieses Konzertes geschaut. Im Februar diesen Jahres kaufte ich mir für lächerliche 15,43 EUR The Complete Studio Albums Collection, eine Sammlung aller 11 Studioalben vor Old Ideas. Mehr als ein Querhören hat sich für mich noch nicht angeboten. Warum also überhaupt über den Tod Leonard Cohens schreiben?

Nun, für das, was mir bislang (!) nicht von Leonard Cohen, sondern durch Leonard Cohen vermittelt wurde. Zuletzt passierte das beispielsweise auf dem Maxïmo Park-Album Too Much Information, für dessen Bonusinhalt die Band neben einigen Stücken anderer Künstler auch Lover Lover Lover gecovert hat. Bei Maxïmo Park finde ich das bewegend, bei Leonard Cohen rührt sich in mir nicht viel. Davor hatte mich bereits Gods of Blitz‘ Version von First We Take Manhattan wesentlich nachhaltiger beeindruckt als die Live in London-Version, in der ich das Lied erstmalig gehört hatte. Bei Leonard Cohen vernehme ich das als Ballade, bei den Gods of Blitz als eine Kriegserklärung. Immerhin: auch Morrissey begeistert mich inhaltlich mehr als musikalisch.

Und was steht über allem? Natürlich Jeff Buckley’s Version von Hallelujah. Durch dieses Lied war ich das erste Mal auf Leonard Cohen aufmerksam geworden, nachdem wir 2004 in Halle (Saale) Die fetten Jahre sind vorbei gesehen hatten und, auf Bänken und Denkmälern herum tollend, überlegten, wie und warum wir die nächste Revolution anzetteln sollten. Und was war das für ein Ärger, als auf dem Soundtrack anders als im Film nicht Jeff Buckley, sondern Lucky Jim sang! Damals wusste ich nicht, daß Leonard Cohen im Grunde der revolutionärste der mit dem Soundtrack verbundenen Künstler sein sollte, obwohl er im Film selbst gar nicht zu hören ist. Jedes Herz ist eine revolutionäre Zelle. Vor allem die, die weich zwischen Wollust und Gesellschaftskritik hin und her schweben und sich stets adrett kleiden. Wie im Film so auch im Leben.

Ach übrigens: Democracy is coming to the USA.

3 Strips on a Flag

Nun, wer hat schon gerne Nachbarn? Seien wir ehrlich: die meisten hätten vermutlich lieber keine. Aber wenn man schon welche hat, dann ist es immerhin total egal, wo sie herkommen oder was sie machen – solange sie verdammt nochmal nicht auffallen. Während einer W- oder EM kann man wegen einiger nicht übersehbarer Auffälligkeiten wunderbar darüber spekulieren, welche Nachbarn wohl lieber andere Nachbarn hätten und – ach so, es geht übrigens um eine Fußball-W- oder -EM. Daß man das sicher nicht dazu sagen müsste, sagt einiges über die Differenzierungsfähigkeit dieser Sportart im Gesamten und ihrer Gefolgschaft im Detail aus. Immerhin ist deutlich zu erkennen, daß Deutschland seit einiger Zeit abflaggt, so wie es Die Zeit vor einigen Tagen beschrieben hat. Das ist grundsätzlich zu begrüßen. Nur: warum eigentlich? Das Problem, und der Grund dafür, das grundsätzlich nur begrüßen zu können, ist, daß in Nationalmannschaftsbegegnungen eben genau dieses Wort steckt: National. Aber auch: Mannschaft. Letztlich ist es nicht die Nation, die einen Titel erlangt, sondern die Mannschaft. Es ist nicht das wir, es ist das die (schmeckst du es?). Natürlich kann man sich für etwas begeistern, natürlich darf eine Rivalität entstehen, die auf der gemäßigten Diffamierung des Gegners basiert. Nur eben: des Gegners, nicht dessen Nation. Den allgemeinen Regeln des – leider nicht überall ausgeprägten und darum der Wortherkunft lange nicht entsprechendem – common sense folgend. Natürlich kann ich einen Sportler oder ein Kollektiv besser finden als ein anderes. Aber eben nur als solches, nichts darüber hinaus. Alles andere ist gesondert zu bewerten. Vor allem ist eine Fangruppe eben nicht Teil der Mannschaft, so sehr dieser romantisch angehauchte Gedanke auch immer wieder ausgereizt wird. Folglich gewinnen auch nicht die Deutschen, die Russen oder die Franzosen, nein, es gewinnt die Mannschaft eines dieser Länder. Meinetwegen gewinnt gerne Die Mannschaft oder die Équipe Tricolore, aber niemals spielen die Engländer gegen die Waliser und vor allem spielen niemals: wir. Wer dazwischen nicht unterscheiden kann, denkt nationalistisch. Generell ist dies ein Fußballproblem. Warum? Weil Fußball ein Massenphänomen ist, das meint, die Mehrheit zu repräsentieren (und sehr wahrscheinlich ist das sogar so). Weil es ein simpler Sport ist, der spannend sein kann und auf den ersten Blick nicht viel Intellekt fordert (Menschen mit etwas Sachverstand werden hier zurecht die Haare raufen). Schon Goebbels kannte den Trick, die Gesellschaft am dümmsten Punkt zu packen (wenigstens 1x die Hitler-Keule). Vor allem, weil eine Mannschaftssportart einem nicht zu verachtenden Teil des Publikums offenbar in der Lage ist zu suggerieren, ein wie auch immer gearteter Teil des Erfolges zu sein – ein für mich nicht nachvollziehbarer Umstand. Vor allem ist es aber auch ein Fußballproblem, weil Fußball als eine von wenigen Sportarten ein Gewaltproblem hat, das mit der Beflaggung in mindestens rudimentärem Zusammenhang steht, weil sich unter vielen Flaggenträgern nicht zu zählende befinden, die ihren Nationalismus in Gewalt formulieren, was mittelbar zu einer Einschüchterung von Mitgliedern anderer Nationalitäten führt oder führen kann – und letztlich zur genauen Umkehr dessen, was dieser sogenannte „Party-Patriotismus“ dem Namen nach erreichen möchte, nämlich eine Party.

Niemand würde auf die Idee kommen, der Goldmedaille eines Ruderachters zu attestieren, daß wir als erste im Ziel waren. Noch weniger würde eine weitere Weltmeisterschaft Sebastian Vettels auch nur in die Nähe einer wir-Idee kommen. Wir, das ist im Fankontext eben diese Gruppe der Fans. Nicht mehr. Es ist ein Fußballproblem, zwischen dem die und dem wir nicht differenzieren zu können. Und es ist ein Fußballproblem, das mit einer Vollbeflaggung ausdrücken zu wollen. Wenige würden auf die Idee kommen, während einer Eishockey- oder Handball-E- oder -WM einen gesetzeswidrigen Seitenspiegelüberzug zu benutzen, Klopapier mit der deutschen Fahne drauf zu produzieren, den Supermarkt zu beflaggen. Nicht einmal zur Bundestagswahl würde das passieren. Niemand beschwert sich, wenn beim Skisprung in Garmisch eine deutsche Flagge für Sven Hannawald weht. Nur – Achtung, quer denken -: es ist sinnlos, seine Zuneigung zu einer Band auf dem Konzert jener Band mit einem T-Shirt gleicher Band zu bekunden – jeder weiß oder mutmaßt zumindest, daß du diese Band magst, sonst wärst du nicht hier. Fußball lebt auch in diesem Punkt völlig abseits der Verhältnismäßigkeit. Es ist okay, am Ort des Geschehens oder beim Public Viewing seine Zugehörigkeit zu deklarieren, gerne übermäßig, solange es niemanden behindert. Es ist auch okay, während eines Wettbewerbs in Spanien eine deutsche Flagge zu hissen, um zu zeigen, daß man von dort aus Die Mannschaft unterstützt (obwohl das, streng betrachtet, durchaus an Imperialismus grenzen kann). Deutsche Flaggen auf deutschem Staatsgebiet abseits lokaler oder zeitlicher Zusammenhänge als angebliches Zeichen fußballerischer Zuneigung sind jedenfalls kein Zeichen sportlicher Solidarität – sie sind ein Zeichen von Nationalismus. Wie kann man denn seine Sympathie gegenüber eines Teams optisch eindeutig bekunden, wenn nicht durch eine Flagge des Landes? Mit einer Flagge im richtigen Kontext. Eine Alternative zu diesem Medium ist zwar wünschenswert, aber nicht zwingend nötig. Deutlich zu erkennen ist nämlich auch, daß es zumindest in Europa nur in Deutschland ein Problem mit dem eigenen Verständnis von Nation und damit zwangsläufig mit der eigenen Flagge zu geben scheint – und das angesichts der Vergangenheit völlig zu recht. Ich halte es jedoch für eine völlig okaye Entscheidung, sich im Rahmen eines internationalen Wettkampfs mit einer Flagge ausweisen zu wollen. Trikots sind unendlich teuer und nicht immer unverwechselbar.

Zu sagen, die Unterstützung einer Nationalmannschaft sei grundsätzlich Nationalismus, halte ich allerdings für Quatsch. Wenn dem so wäre, wäre folgerichtig jegliches Fantum bezüglich Bundesligavereinen Nationalismus im Kleinen, namentlich Regionalismus. Selbstverständlich gibt es auch da Ansatzpunkte, denn daß ein Anhänger der Dortmunder Borussia allein wegen seiner Herkunft oder Präferenz besser oder schlechter als jemand aus einem oder für einen anderen Ort des Ruhrgebiets sein soll, kann der Rivalitäts erste Wahl in der Argumentation nicht sein. Aber auch das ist ja natürlich im Grunde gar nicht so gemeint und ja eigentlich nur Spaß, denn, wenn man ehrlich ist und mal genauer überlegt, könne man ja gar nichts Negatives über solche Leute sagen. Ihr Ficker. Natürlich nicht. Es gibt bessere Sportler und es gibt schlechtere Sportler. Und dann gibt es einen Publikumsanteil, der in der Wahl seiner Favoriten glücklich war und den, der sich bewusst oder aus Versehen für ein augenscheinlich schwächeres Produkt entschieden hat. Wichtig zur Differenzierung und zur klaren Abgrenzung zum Natio- oder Regionalismus ist der Mechanismus der Entscheidung. Erst wenn ich mich bewusst für oder wider etwas entschieden habe, kann ich auch nur einen Ansatz von Stolz oder Identität entwickeln, eben weil ich erst dann selbst gehandelt habe und nicht bloß irgendeiner mir nicht anzurechnenden Zuordnung gefolgt bin. Es ist so wie: sich am eigenen Geburtstag feiern lassen, obwohl man selbst den geringsten Anteil daran hatte. Die schlimmste Entscheidung ist gar keine Entscheidung. Die schlimmste Begeisterung ist die des Mitlaufens. Nicht deine Entscheidung, nicht deine Leistung, nicht deine Party.

Übrigens: es gibt auch Flaggen der einzelnen Verbände, wie wär’s denn mal damit?

P.S.: Der Aufruf der Antifa, für geklaute Fanartikel Punkte zu verteilen, ist im Hinblick auf die unreflektierte Nationalismusgefahr natürlich überaus löblich, verfehlt das grundsätzliche Problem aber massiv, weil es in den Köpfen steckt, die darauf, darum oder darunter zu finden sind.

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Und was wohl über unseren Balkon spekuliert wird? Ob das wohl Inselaffen sind? Ob die betrunken prügeln würden? Und wie halten die es wohl mit Brexit? Nö, die finden einfach nur eine Mannschaft gut, die sie sich irgendwann als Teil einer Rebellionsidee ausgesucht haben. Und die lachen ein bißchen, wenn wir schon wieder in der Vorrunde ausscheiden sollten.

Mehr? Googeln Sie Nationalismus Fußball.