Das Briefmädchen

Es gibt Verhältnisse, die verlaufen im Sande, weil man sich nichts mehr zu erzählen hat. Das ist schade, aber oftmals unvermeidlich, im Rückblick selten überraschend und alles in allem fast immer in Ordnung. Es gibt aber auch Verhältnisse, die enden abrupt, obwohl es noch viel zu sagen gäbe. Das ist nicht schade, sondern meistens verletzend, charakterschwach und fast niemals in Ordnung. Manchmal ist es nachvollziehbar, selten ist es zu verstehen. Ich löge, wenn ich behauptete, das nicht auch schon mindestens zwei Mal in erwähnenswerter Größenordnung getan zu haben, aber ich kann immerhin behaupten: ich habe mich (jeweils viel zu spät) dafür entschuldigt. Es ist ein Phänomen, das ich vor allem da beobachte, wo die Schnittstelle zur realen Kommunikation versagt und das Digitale das Mittel aller Wege ist. In einem ziellosen Wortwechsel irgendwann nicht mehr zu antworten: geschenkt. Jemand hat mal zu mir gesagt, wer auf eine wichtige Nachricht nicht innerhalb von 24 Stunden reagiere, der nehme das gesamte Verhältnis nicht ernst. Das fand ich etwas knapp bemessen, aber doch insgesamt sehr weise. Seitdem versuche ich mich daran zu erinnern, wenn eine erwartete Antwort mal wieder länger dauert oder wenn ich eine wichtige Nachricht erhalte, die eine Reaktion erfordert. Wenn allerdings auf konkrete Ansprachen nicht mehr reagiert wird und Versprechen nicht eingehalten werden, gibt es dafür nur noch ein Wort: Ghosting. Kannste natürlich mit mir machen, schreib ich dann halt bloß ’nen Text drüber ins Internet. Here we go.

„Keine Sorge, solange ich nicht über dich schreibe, ist alles in Ordnung. Oder an dich, als Brief – dann ist es ganz schlimm.“ So oder so ähnlich lauteten die Worte, die ich einem Mädchen Anfang des vergangenen Jahres mitgab, als ich wie immer etwas unbeholfen neben dem Balken in ihrer Dachgeschosswohnung stand, während sie uns Tee kochte. Damals wusste ich noch nicht, daß die Warnung für unser Verhältnis tatsächlich noch Geltung bekommen sollte. Dabei war es doch von Anfang an die mittlerweile recht bekannte, weil schon einige Male wiederholte Geschichte: dünnes blasses Mädchen mit langen dunklen Haaren, krummem Lebenslauf und Melancholie in den Augen widmet mir Zeit und Aufmerksamkeit, erzählt mir ein paar spannende und noch mehr nichtige Dinge, lädt mich wiederholt zu sich nach Hause ein – und irgendwann verliebt sich irgendwer in irgendwen. Es ist einfachste Psychologie: je öfter man etwas sieht, desto besser findet man es. Unmöglich, das abzustellen. Ich war, bin und werde nie stark oder clever genug sein, mich dagegen zu wehren. Vor allem nicht bei dünnen blassen Mädchen mit langen dunklen Haaren, krummem Lebenslauf und Melancholie in den Augen. Also, worum geht es diesmal?

Wo fange ich an? Wenn ich das wüsste! Vielleicht ist das das Problem: eigentlich gibt es nur Überschriften, kaum Inhalte. Vielleicht ist es der feine Unterschied zwischen: Menschen, die man im wahren Leben trifft und mit denen man im Internet den Kontakt aufrecht erhält und: Menschen, die man im Internet kennenlernt und mit denen man im wahren Leben meist nicht darüber hinaus kommt, dieses oberflächliche Format fortzuführen. Wer sich an Das andere Mädchen™ erinnert, wird vielleicht durchschaut haben, daß ich Menschen nicht so leicht loslassen kann, wenn ich mit ihnen noch nicht erlebt habe, was ich mit ihnen erleben will. Nun, je länger ich darüber nachdenke und je länger ich mittlerweile ganz klassisch geghostet werde, desto weniger kann ich mich daran erinnern oder gar nur vorstellen, was ich mit diesem hier beschriebenen Mädchen mal erleben wollte. Zwar haben wir, wenn wir etwas miteinander gemacht und uns nicht bloß stundenlang gegenseitig in die Augen und Seelen geschaut haben – was haben wir da eigentlich zu sehen erhofft? –, durchaus was erlebt. Kleinigkeiten zwar, aber hier und da genug, um eine emotionale Bindung aufbauen zu können. Es verblasst jedoch gegenüber dem, was wir trotz geringer Distanz von nicht mal zehn Kilometern dazwischen an Not-So-Quality-Time via Internet verschwendet haben, denn this is why the internet sucks: man erlebt nichts miteinander. Und darum bleibt dies nicht mehr als eine oberflächliche Abhandlung eines oberflächlichen und trotzdem irgendwie verworrenen Geflechts.

Den angekündigten Brief habe ich vor einer ganzen Weile tatsächlich geschrieben, nachdem sie angekündigt hatte, mir einen zu schreiben. Sie schrieb mir nie, ich schrieb ihr zwei Mal. Einmal etwas impulsiv und nicht so clever (hey, that’s me!), das andere Mal wohlüberlegt und wasserdicht (hey, that’s auch me!). Ob ich mir tatsächlich eine Antwort erhofft habe oder einfach nur sagen wollte, was ich noch zu sagen hatte, kann ich mittlerweile nicht mehr rekonstruieren. Irgendwann hatte sie sich mal gewundert, als ich ihr erzählte, daß ich ein oder zwei Mal über sie twitterte. Früher oder später twittere ich wahrscheinlich über alles und jeden mal. Über manche/s eben öfter. Das ist meistens nichts Besonderes. Except it was, zumindest dachte ich das eine Zeit lang, weil ihre Werbebotschaften so leuchtend strahlten, bis sie ins Nichts verpufften. Aber warum jetzt überhaupt noch darüber schreiben, wenn doch meinerseits alles gesagt ist? Wenn man dem Überfilm (500) Days of Summer glauben darf (ich tu’s), hat Henry Miller mal gesagt: „The best way to get over a woman is to turn her into literature.“ (Hat er nicht gesagt.) Naja, für wirkliche Literatur fehlt mir immer noch die Geduld und in diesem Fall vor allem die Substanz. Darum hier das, was ich diesbezüglich am besten kann: ein mittellanger Blogpost. Auf mehr habe ich auch gar keine Lust, weil: mein Herz brechen, das kannste schon machen, aber: füll‘ es doch vorher wenigstens mit irgendwas Nachhaltigem. Nicht, weil es einen guten Text ergeben würde, sondern weil es ansonsten nur ein Streifschuss bleibt. Eine Hülle, die so schnell verschwunden ist wie sie kam.

 

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zweiundvierzig.

Etwa gegen Anfang 2008 hatte sich die zu dieser Zeit Forumsbeauftragte Andrea, die unter muff-potter.net eine Fanpage und unter muff-potter.de das dazugehörige Messageboard betrieb, aus mir nicht bekannten Gründen dazu entschieden, ihre Aktivitäten nicht mehr fortzuführen. Dem Aufruf der Band zum Aufbau einer neuen Plattform inkl. Übernahme von Streetteam-Gedöns bin neben meinem guten Freund  Freund Gavin und dem uns beiden bis heute nicht wirklich bekannten Jens auch ich gefolgt (die beiden nutzen das Internet offenbar mittlerweile zu seriösen Zwecken, während ich immer noch nur so nerdigen Underground-Kram betreibe. Wer Andrea eigentlich ist und was aus ihr wurde, weiß ich nicht). Gemeinsam bauten wir unter die-bordsteinkante.de ein recht schick anzusehendes Forums- und News-Portal auf, das glücklicherweise von den meisten der bisherigen muff-potter.de-Nutzern wohlgesonnen und aktiv angenommen wurde. Daß es überhaupt dazu kommen würde, war zwei Jahre zuvor für mich nicht abzusehen, denn ich hatte mich sehr lange dagegen gesträubt, die Band muff potter. gut zu finden oder mich überhaupt mit ihr zu beschäftigen, da ich mich in meiner Schul- und Jugendzeit leichtfertig dazu entschlossen hatte, alle Bands aus dem Ems- und Münsterland kategorisch als minderwertige Provinzbands wahrzunehmen. Tja. Immerhin war ich lange konsequent und schloss neben diversen Schüler- und Amateurbands eben auch die damals schon landesweit bekannten Donots und eben muff potter. aus. Rheine war für mich lange Zeit nicht mehr als der Ort des ersten Konsums. Media Markt, Karstadt, Kino. Mit der Bahn brauchte ich schon damals nur 12 Minuten. Manchmal habe ich mir ein reguläres Ticket gekauft, meistens habe ich mir ein Kinderticket gekauft und mich zu einer Gruppe jüngerer Schüler gesetzt, später habe ich mir meistens gar keine Fahrkarte gekauft, weil die Kontrolleure meistens in Rheine zu- bzw. ausgestiegen sind. Der Vorteil einer kleinen Stadt am Arsch der Welt.

Die Abneigung gegen besagte Bands will sich auch nicht so recht ändern, als ich mir im Frühjahr 2006 von irgendeiner halbwegs seriösen dubiosen Seite das Von Wegen-Album runterlade (und erst anderthalb Jahre später feststellen werde, daß Den Haag fehlt). Zwar finde ich es recht witzig, daß die Band beim Essen.Original im selben Jahr während des Auftritts von Olli Schulz & der Hund Marie als Curly Crüe über die Bühne springt, aber den nachfolgenden Auftritt verbringe ich lieber damit, vor der Sparkasse sitzend Karten zu spielen. Von muff potter. sehe ich an diesem Abend vielleicht einen oder zwei der letzten Songs, um einen guten Platz für das nachfolgende Konzert von Tomte zu bekommen. In den nachfolgenden Monaten höre ich immer mal wieder sporadisch in Von wegen rein, spüre aber offenbar keinen Funken.
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De·ter·mi·nịs·mus

Neulich war ich zufällig* auf einem Konzert, auf dem Das andere Mädchen™ auch war. Natürlich sind wir uns dort begegnet. Und natürlich wusste ich, daß das passieren würde und habe mich im Vorfeld wahnsinnig verrückt gemacht. Zum einen, weil ich das erste Mal seit langer Zeit wieder wusste, daß wir uns gerade in der gleichen Stadt befanden. Es ließ mich stellenweise in die alten Muster fallen: nervöses Umschauen, hastiges Kopfsenken und -heben, betont lässiges äußeres Auftreten bei völliger innerer Verstörtheit. Aber: positiv. Ich hatte es so kalkuliert. Ich wäre nicht superkurzfristig zu diesem Konzert gegangen, wenn ich gewusst hätte, daß es mich mental zerfrisst. Denn zum anderen: ich freute mich darauf. Angst hatte sich in Neugier verwandelt. Sobald ich den Konzertsaal betreten hatte, hielt ich Ausschau. Gefunden haben wir uns erst nach dem Konzert – was mir ganz recht war – und, naja, es war eigentlich so wie immer und das ist ganz und gar positiv gemeint. Ich verstand die Redewendung „auf einer Wellenlänge liegen“ plötzlich [wieder] sehr gut. Zweieinhalb Jahre später war das eine überraschende, irgendwie unerwartete Wendung. Und doch war es das nicht, denn: war es jemals anders? Nein. Distance tricked us. Und ich war schon immer Experte in unbegründetem Dramatisieren und Overthinking.

Es ist ja sowieso ganz spannend zu beobachten, was man sich so für Vorstellungen von Menschen macht, die nicht in (geographischer und emotionaler) Sichtweite sind. Eva Illouz hat das sehr gut erklärt, als sie schrieb, daß die meisten Menschen dazu tendieren, Dinge zu idealisieren, die in der Ferne liegen, weil sich diese Ideale schwerlich falsifizieren lassen. Laut Illouz funktionieren darum beispielsweise Fernbeziehungen oft über längere Zeiträume als raumnahe Beziehungen oder die Lebensverhältnisse in anderen Ländern scheinen durchaus attraktiver als die im eigenen. In diesem speziellen Fall hier gehen Idealisieren und Overthinking in alle möglichen Richtungen. An vielen Tagen hat mich die (geographische und emotionale) Distanz runtergezogen, mir Angst gemacht und ein extrem negatives Bild (von der Situation und der mit ihr verknüpften Person) erzeugt. An allen anderen Tagen – und die sind deutlich in der Überzahl – war es ein Idealisieren, ein Vermissen (jaja, was kümmert mich mein Geschwätz von neulich?), ein angenehmes Grundrauschen im Unterbewussten, oft auch völlig klar im Bewussten. Nach allem, was in den letzten Jahren und vor allem Monaten an anderen Stellen zerbrochen und vergessen ist, ist es eine sehr aufbauende Erkenntnis, zu wissen, daß da in all den Wirrungen immer noch jemand ist, der sich nicht immer bemerkbar, aber zumindest aufrichtig für einen interessiert. Daß sie mich wohl immer noch nicht zurückliebt: geschenkt. Wahrscheinlich geht es darum schon lange nicht mehr. Eigentlich wollte ich sowieso was ganz anderes erzählen.

*) Neues Stilelement: hier und da werde ich Geschichten um Halbwahrheiten, Fantasien und/oder Lügen ergänzen, kürzen und/oder umschreiben. Generell ist das hier nur das Internet; glauben Sie nicht alles, was hier steht.