Und dann: eine Nonmention

Sich zu trauen, Menschen zu sagen, daß (und wie oft) man an sie denken muss, weil man sie vermisst oder sich sonstwie verbunden fühlt, das wär’s doch mal. Warum machen wir das so selten? Vielleicht leben wir zu gerne in der schwebenden Ungewissheit und laben uns an der Hoffnung auf Erwiderung, die sich auf diese Weise zwar nie erfüllen, aber auch nie enttäuscht werden kann. Schrödingers Nähe. So wie der Tod, den wir nicht wirklich zu fürchten brauchen, auf den wir uns aber auch nicht wirklich freuen können, weil wir nicht wissen, wie es ist, wenn er eintritt. Weil es möglicherweise nicht so sein könnte, wie wir es uns vorstellen. Whatever. Das kollektive Gedächtnis jedenfalls wird’s freuen, wenn Verletzlichkeiten geteilt, wenn Ängste überwunden werden. Lesen Sie sich sowas bei flüchtigen Bekannten oder besten Freunden einfach mal durch. Es wird Sie ermuntern, es gleich zu tun, wenn Sie ein Mitteilungsbedürfnis haben, aber sich bisher nicht getraut haben. Sie sollten sich nämlich fragen: warum eigentlich nicht? Ehrlichkeit ist jedermanns Freund. Und das beste Spiel ist immer noch das, von dem jeder weiß, wer mitspielt und worum es eigentlich geht. Zu gewinnen gibt es letztlich sowieso nichts (vgl.: Tod). Also, worum geht es?

Es geht um die Theorie, daß für jeden Menschen genau ein Kryptonit-Gegenstück existiert, das er nicht aus seinem Leben schieben kann, so sehr er es auch versucht. Jemand oder etwas, der oder das sich scheinbar für immer festsetzt. Ein Symptom, das sich in Schüben zeigt oder das nach langer Zeit, längst vergessen, auftaucht und den ganzen Planeten ins Wanken bringt. Mein Kryptonit ist endsüß und hinterlistig. Es geht um das, was aufmerksame Twitter-Leser als Das andere Mädchen™ kennen. Das andere Mädchen™, das mich vor ein paar Jahren mit endsüßem Alkohol hinterlistig kryptonisiert hat. Davor, danach und dazwischen insgesamt 15.000 insgesamt eher harmlose Facebook-Nachrichten. Aber stellen Sie sich diese Zahl bitte mal vor. Alle meine anderen Facebook-Dialoge kommen kumuliert nicht einmal ansatzweise an diese Zahl heran. Für mich ging es dabei irgendwann vorrangig um die Fortsetzung real existierender Nähe. Das Grundrauschen, das immer da war. Der Inhalt? Eine Mischung aus Quatsch und Ernsthaftigkeit, die nie zu dämlich-quatschig und nie zu ernst-ernst wurde. Unverbindlichkeit als größte Konstante. Sie führte uns weder in die eine noch in die andere Richtung, zurrte uns mittig fest. Das war schön, weil es aus sich heraus keinen Konflikt schürte, aber es ließ mich gleichfalls stets etwas ratlos zurück. Ich habe ein Problem mit der Deutung täglichen Kontakts, wenn dabei oberflächlich kein Ziel angepeilt wird. Sie sagte mal, ich wüsste zu viel über sie. Ich habe das Gefühl, ich weiß überhaupt nichts über sie. Wo war sie schon? Wo will sie hin? Was ist ihr Lieblingstier? Was hält sie von Atomkraft? Was hat sie vor 10 Jahren gemacht? Was hat sie erlebt? Hat sie überhaupt was erlebt? Daß ich über Leute, mit denen ich 2x im Jahr rede, besser Bescheid weiß, macht mich bis heute traurig. Sie erzählte mir wenig und wenn ich nach irgendetwas fragte, war es immer „nicht so wichtig“ oder „du verstehst das eh nicht“. Ich weiß nichts. Ich bin Jon Snow. Und dann wegen der gut versteckten Herzenswärme die klassische Geschichte. Boy meets girl. Boy falls in love. Girl doesn’t. Und irgendwo dazwischen dieses Gefühl wieder verloren. Liegt es da noch? Keine Ahnung. Unter Trümmern, sicherlich. Zerfickt, ohne gefickt worden zu sein. Don’t you ever pretend that we were more than friends?

Und dann irgendwann keine Antwort mehr. Warum? Keine Ahnung. Sie hat doch immer geschrieben! Wir waren sowas wie beste Freunde! Und dann auf einmal nicht mehr. Das traf mich und ließ mich an vielem zweifeln, vor allem an mir selbst. Und dann diese lächerliche Ignoranz in den immer noch fast alltäglichen echten Begegnungen, die mich vollends gebrochen hat. Ich weiß um meine Rolle im Leben der wenigen Menschen, die mir etwas wert sind. Denen ich etwas wert bin. Ich weiß, wer ich bin. Bei ihr habe ich keine Ahnung, welche Rolle ich einnehme. Irgendwann ist es egal geworden oder zumindest bildete ich mir das ein. Eine inhaltliche Analyse fällt mir schwer, die Zuschreibung der Verantwortung noch viel mehr. Sie? Ich? Wir beide? Keiner von uns? Was bleibt, ist das unangenehme Gefühl, gerade Teil eines Ghostings zu sein. Irgendwie traurig, wie zwei Menschen, die sich auf dem Papier so ähneln, emotional ganz offensichtlich so sehr aneinander vorbei schießen können. Und dann der Stolz, der beißt und sich nicht kränken lassen will. It’s easier to leave than to be left behind. Seit Monaten weder gesprochen noch gesehen. Und dann ein Klick: Als Freundin entfernen. Nicht aus Überzeugung, sondern mit zitternder Hand und schließlich doch gekränktem Herzen. Leaving was never my pride. Und Loslassen sowieso nicht. Loyalität. Wenn Leute erstmal einen Anker in der Bucht meines Herzens geworfen haben, lasse ich sie nicht einfach fallen, egal was war. Es gibt ungefähr eine Hand voll solcher Menschen für mich. Ich weiß nicht genau, ob sie noch dazugehört. Sie besitzt einen verminten, rostigen Anker, der irgendwo festhängt und sich, wenn überhaupt, nur sehr behäbig lichtet. Ich hatte nicht das Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben und loszulassen war meine Absicht nicht. Trotzdem war es eine bewusste Entscheidung und in den meisten Momenten eine gute. Aus den Augen, aus dem Sinn. Im Internet? Haha. Die Episoden unserer (Nicht-)Beziehung differenziere ich nach ihren Facebook-Profilbildern.

Und dann die Angst, in die nächste Stadt zu fahren. Letzte Uni-Seminare, die mehr ausgeschwitzt als ausgewertet werden. Und dann: nicht mehr sehen müssen. Aus den Augen, aus dem Sinn. Geschafft, ha! Ha. Ha. Haha. Es ist eben die nächste Stadt. Was für eine Utopie, daß ich dort danach nie wieder auftauchen würde. Und dann das zügige Laufen durch die Straßen mit gezieltem Blick und gesenktem Kopf. Hinter der nächsten Ecke? Hoffentlich nicht. Na bloß gut, daß mich dieses Mädchen weder hypersensibel noch neurotisch oder schizophren gemacht hat. BLOSS GUT! Monatelang versuchte ich, mich von dieser Stadt abzunabeln. Verlassen eines Schlachtfelds. Ein Mädchen hat mich gebrochen, ein anderes zwischendurch wohl sich selbst. Immerhin: mittlerweile kann ich die Stadt wieder ohne größeres Herzrasen betreten. Weil es Gewohnheit geworden ist. Weil es egal geworden ist. Zynismus oder Bedeutungslosigkeit? Eine Mischung aus beidem. Geschafft, ha!

Ha. Ha. Haha. Und dann immer wieder das Schauen, was sich so tut. 24, 67, 177. Was ist eigentlich schlimmer? Daß ich die Zahl der Social Media-Posts kenne oder daß ich nicht weiß, was ich damit anfangen soll? Und warum gibt es diese Routine überhaupt? Vielleicht, um zu verstehen. In erster Linie, weil’s halt geht. Nahe sein, ohne nahe zu sein. Schrödingers Nähe. Eine Routine, die niemandem nützt. Die Quintessenz des Internets. Between the metal and wires I still have human desires. Und dann irgendwann ein Gefühl zwischen „Ich finde, wir müssen uns mal wieder sehen!“ und „Warum eigentlich?“. Life is just too fucking boring not to try.

Zwei Spotify-Playlisten später. Still you keep running around in my cortex. Und dann Marcus Wiebusch, dieser fiese, alte Sack, der genau weiß, wie es nämlich in Wahrheit läuft: Vielleicht schaff ich’s irgendwann, kurz bevor ich einschlaf‘, deinen Namen nicht zu flüstern. Wie oft? Tagelang gar nicht, dann wieder alle 20 Minuten. Und dann bin ich wieder mehr beim „Ich finde …“ als beim „Warum …?“ und dann frage ich mich aber auch schon wieder, wozu eigentlich und was ist dann mit Schrödingers Nähe? Und dann habe ich wieder keine Antwort auf irgendwas. Fuck. It. All.

Und dann ein geplantes Wiedersehen nach über zwei Jahren. Ein persönlicher 11. September, ein emotionales DEFCON 3. Und dann erstmal wegen irgendeines anderen Typen 10 Minuten allein gelassen werden. Dafür war ich nicht gekommen. Die Erinnerung an die letzte Begrüßung prägt sich am intensivsten ein. Du hast verloren. Und dann 4 1/2 Stunden wie früher mit allem, was gut war und mit allem, was schlecht war. Zu viel zu wenig Nähe. Schrödingers Nähe. Zum Abschied ein viel zu betrunkener Kuss auf die Schläfe und ein als final gedachtes „Adios“. Ich war zufrieden. Ich ging aufrecht. Ich hatte abgeschlossen. … Und dann?

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