Streifzüge

Als ich vor ein paar Wochen an einem Kiosk unter der Seilbahn im Lissaboner Zoo vorbeiging, lief im Radio eine Meldung über den Nobelpreisgewinn Bob Dylans. Da ich mich im Verständnis iberoromanischer Sprachen irgendwie ungeschickt verhalte und mit den Nobelzyklen nicht firm war und mittlerweile schon wieder nicht mehr bin, aber annahm, daß es ansonsten keine nennenswerten Neuigkeiten geben konnte, musste ich vorerst davon ausgehen, daß es sich um eine Todesmeldung handelte. Genau wusste ich es nicht; die Bedienung nach einer Übersetzung zu fragen vermochte ich nicht. „Ich glaube, Bob Dylan ist gestorben“, gab ich erstmal einigermaßen gleichgültig weiter. Besser wusste ich es ja nicht und erst recht nicht genau, ob es überhaupt stimmte. Wohl aber wusste ich, daß zumindest dieser Urlaubsabend mindestens einigermaßen ruiniert wäre, wenn sich die Vermutung bestätigen würde. Ein paar Stunden später konnte ich im Hotel nachsehen, worum es zuvor wirklich ging und beruhigt feststellen, daß Bob Dylan nur den Literaturnobelpreis zugesprochen bekommen hatte. Den vermeintlichen Tod Bob Dylans aus dem Radio zu erfahren, fand ich – insbesondere der Vagheit des Verständnisses geschuldet – auf eine sehr zynische Weise übrigens relativ witzig, weil es sich um einen sich selbst erfüllenden Robert Zimmermann-Running Gag gehandelt hätte, in dem ein von Christian Ulmen gesprochener Radiomoderator verkündet: „Bob Dylan ist tot … kleiner Scherz, der ist ja nicht totzukriegen.“ (vgl. Haußmann, Leander (2008): Robert Zimmermann wundert sich über die Liebe)

Vor ein paar Tagen – oder lasst es Wochen sein – gab es auf der Leonard Cohen-Facebookseite einen Post eines Bildes, das wie ein klassisches Nachrufbild aussah. War es nicht. Es war Werbung für das neue Album You Want It Darker. Wenig später war ich ein paar Male in Hamburg, stand am Hauptbahnhof am S-Bahn-Bahnsteig Richtung Altona neben dem gleichen Motiv auf A1-Plakaten, überlegte, ein albernes Selfie für Snapchat zu machen, „Leonard und ich“ oder sowas. Vor ungefähr zwei Stunden wurde ein ähnliches – oder das gleiche? – Bild auf Leonard Cohens Facebook-Seite veröffentlicht. „Huch“, dachte ich kurz und dann „… ach ja … Werbung.“ Das dachte ich so lange, bis ich die ersten Kommentare las. „Oh“, dachte ich dann.

2012 hatte ich ein Ticket für ein Konzert von Leonard Cohen in der Waldbühne, Block A2, nicht ganz 80 EUR. Ich habe es ein paar Tage vorher verkauft, weil ich mir nicht sicher war, ob ich zu diesem Preis ein dreistündiges Konzert von einem Künstler sehen möchte, von dem ich kaum Lieder kenne. Ich bereue es bis heute nur selten und wenn, dann auch nicht sehr stark. Warum? Weil Leonard Cohen bisher nicht viel mehr als ein paar lose Eindrücke in meinem Leben hinterließ. Das 2012er Album Old Ideas hatte ich mir zwar zügig gekauft und aufgrund dessen auch die Konzertkarte, wirklich festigen konnte es sich aber nicht wirklich: ich habe es seit Dezember 2012 kein einziges Mal gehört. Live in London fand ich 2010 fantastisch, habe die DVD aber nur einmalig zum zweiten Jahrestag dieses Konzertes geschaut. Im Februar diesen Jahres kaufte ich mir für lächerliche 15,43 EUR The Complete Studio Albums Collection, eine Sammlung aller 11 Studioalben vor Old Ideas. Mehr als ein Querhören hat sich für mich noch nicht angeboten. Warum also überhaupt über den Tod Leonard Cohens schreiben?

Nun, für das, was mir bislang (!) nicht von Leonard Cohen, sondern durch Leonard Cohen vermittelt wurde. Zuletzt passierte das beispielsweise auf dem Maxïmo Park-Album Too Much Information, für dessen Bonusinhalt die Band neben einigen Stücken anderer Künstler auch Lover Lover Lover gecovert hat. Bei Maxïmo Park finde ich das bewegend, bei Leonard Cohen rührt sich in mir nicht viel. Davor hatte mich bereits Gods of Blitz‘ Version von First We Take Manhattan wesentlich nachhaltiger beeindruckt als die Live in London-Version, in der ich das Lied erstmalig gehört hatte. Bei Leonard Cohen vernehme ich das als Ballade, bei den Gods of Blitz als eine Kriegserklärung. Immerhin: auch Morrissey begeistert mich inhaltlich mehr als musikalisch.

Und was steht über allem? Natürlich Jeff Buckley’s Version von Hallelujah. Durch dieses Lied war ich das erste Mal auf Leonard Cohen aufmerksam geworden, nachdem wir 2004 in Halle (Saale) Die fetten Jahre sind vorbei gesehen hatten und, auf Bänken und Denkmälern herum tollend, überlegten, wie und warum wir die nächste Revolution anzetteln sollten. Und was war das für ein Ärger, als auf dem Soundtrack anders als im Film nicht Jeff Buckley, sondern Lucky Jim sang! Damals wusste ich nicht, daß Leonard Cohen im Grunde der revolutionärste der mit dem Soundtrack verbundenen Künstler sein sollte, obwohl er im Film selbst gar nicht zu hören ist. Jedes Herz ist eine revolutionäre Zelle. Vor allem die, die weich zwischen Wollust und Gesellschaftskritik hin und her schweben und sich stets adrett kleiden. Wie im Film so auch im Leben.

Ach übrigens: Democracy is coming to the USA.

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