Vergleichswert

Als ich letztes Jahr auf einem Festival war, stellte ich fest, daß es einen Stand einer Firma gab, von der ich wusste, daß dort Das andere Mädchen™ arbeitete. Das entfachte ambivalente Gefühle in mir. Zum einen war ich aufgeregt, weil ich nichts dagegen gehabt hätte, sie wiederzusehen. Zum anderen war ich aufgebracht, weil ich nicht wusste, wie ich mit der Situation umgehen sollte, da unser Verhältnis mittlerweile zwar stabil, für mich aber noch immer äußerst undurchsichtig war und ist. Nach einigen Sondierungen ergab sich die Erkenntnis, daß sie dort an diesem Wochenende nicht anwesend war. Das machte meine Überlegungen obsolet und es machte mich traurig und erleichtert zugleich. Am gleichen oder am darauffolgenden Abend erzählte ich auf dem Weg ins Zelt, daß ich jemanden vermissen würde. Es war klar, von wem ich redete. Direkt darauf wandte ich aber ein, daß ich keine Menschen vermisste. Das war schnell daher gesagt, aber es war wahr. Wie so oft war dieser impulsive Einwurf erschreckend nah an der reflektierten Wahrheit. Ich dachte danach noch einige Zeit über diese Aussage nach und fragte mich, warum das so ist. Warum vermisse ich keine Menschen? Ich hatte noch nie wirkliche Entzugserscheinungen, wenn es um bestimmte Menschen ging. Was ich hingegen schon oft vermisste, waren Gefühle, die sich damit verbanden. Gefühle von Erfüllung, von Freude, von verbindenden Ängsten, vom Teilen gemeinsamer Erlebnisse, die magische Konnektivität, die sich weder beschreiben noch einfangen lässt. Und die sich vor allem eins nicht lässt: wiederholen.

Dabei besteht das Leben doch so oft genau daraus: aus der Jagd nach dem Unwiederholbaren. Aus der Suche nach genau dem gleichen Adrenalinschub, den ein bereits erlebtes Erlebnis schonmal freigesetzt hat. Nur: es ist eine Illusion, zu glauben, Erlebnisse und die daraus resultierenden Gefühle rekonstruieren zu können. Life can’t compete with memories. Es ist verzwickt, sich auf eben jene Erinnerungen berufen zu wollen, wenn es darum geht, neue Erfahrungen einzuordnen. Es läuft wohl oder übel auf Vergleiche hinaus. Früher war irgendwie mehr … Weißt du noch …? Man sollte mal wieder … Beim nächsten Mal …

Vergleiche auf emotionaler Basis sind immer Lose-/Lose-Situationen. Für den Vergleichenden bringen sie entweder die Erkenntnis, daß es schonmal etwas Besseres gab oder, beinahe schlimmer, daß das Vorangegangene vielleicht bloße Zeitverschwendung war, weil es ja etwas viel Besseres gibt, das man all die Zeit verpasst hat. Das Vergleichsobjekt kann ebenfalls nur verlieren, weil: entweder kann es im Hier und Jetzt nicht mit der Rekonstruktion des Vergangenen mithalten oder es sieht sich der Erwartung ausgesetzt, besser zu sein als das bereits Bekannte und muss mit der Bürde leben, diese Erwartung aufrecht zu erhalten; immer mit der Gefahr, daß in der Zukunft etwas noch Besseres wartet. Aus diesem Grund versuche ich, Vergleiche – vor allem auf zwischenmenschlicher Ebene – zu vermeiden. Jede Begegnung und jedes Erlebnis verdient es, situativ und autonom beurteilt – oder besser: gefühlt – zu werden.

Es ist beleidigend, Menschen emotional miteinander in Wettbewerb zu setzen. Es gibt in diesen Kategorien kein besser oder schlechter. Menschen sind individuell, genau wie es Erwartungshaltungen, Erinnerungen und Gefühle sind. Den gleichen Menschen zwei Mal zu treffen, ist unwahrscheinlich. Man kann versuchen, durch äußere Faktoren oder ähnliche Interessen ein Abbild zu finden, das der Erinnerung möglichst nahe kommen soll, aber das Gefühl … – das Gefühl ist eben auch in vergleichbaren Situationen mit jedem Menschen unterschiedlich und lässt sich niemals reproduzieren.

Ein von Personen losgelöstes Gefühl zwei Mal oder öfter in einer 1:1-Kopie erleben zu wollen, ist eine Illusion, die schon greifbarer scheint. Acht Mal auf ein Konzert der gleichen Band zu gehen, weil die Hoffnung besteht, bei jedem ersten Ton den gleichen Adrenalinschub zu bekommen. Fünfzehn Mal den gleichen Film gucken, weil er beim ersten Mal mit Traurigkeit, Wärme oder Nachdenklichkeit füllte. Das Lieblingsbuch zum dritten Mal lesen, weil es den Kopf mal auf eine Reise quer durch die USA schickte. Nur: wir verändern uns. Ich bin nicht mehr 16 und was mich früher mit Wärme füllte, lässt mich heute traurig zurück. Nach sechs Konzerten bin ich zu erschöpft und abgestumpft, um mich noch überschwänglich über den ersten Ton zu freuen und für einen Roadtrip fühle ich mich sowieso zu alt. Und überhaupt habe ich diesen anstrengenden Roman damals nur gelesen, weil Person X ihn mir empfohlen hat, als ich in sie verliebt war. Und jedes Mal ist da die Erinnerung an dieses Gefühl von früher, wenn ich den Titel des Buches oder den Namen des Autoren höre. Ist es Erinnerung oder ist es Gefühl? Ist es ein echtes Gefühl oder ist es der Versuch einer Rekonstruktion? Keine Ahnung.

Neulich las ich etwas, das mich zum Nachdenken anregte: „Thoughts are never honest. Emotions are.“ Albert Camus soll das gesagt haben. Da steckt relativ viel Wahrheit drin, denn: es ist einfach, sich zu Hause Gedanken darüber zu machen, wie man etwa reagieren würde, wenn man auf der Straße jemandem begegnet, zu dem man, sagen wir mal, aufgrund vorangegangener Gefühle und der Erinnerung daran ein eher schwieriges Verhältnis entwickelt hat. Es ist einfach, sich auszumalen, wie man mit erhobenem Kopf, souverän und freundlich auftretend diese Situation meistern würde. Es ist einfach, sich als moralischer Sieger über einen komplexen emotionalen Konflikt zu erheben. Nur: auch das läuft letztlich auf eine Lose-/Lose-Situation hinaus. Emotionen kann man oft nicht steuern. Beispielsweise ist es musikpsychologisch erwiesen, daß allein das Hören bestimmter Stücke einen Menschen zum Weinen bringen kann – ob er will oder nicht (Studien bitte googeln, gerade keine Lust auf Verlinkungen). So ähnlich verhält es sich mit Begegnungen, vor allem mit unvorhersehbaren. Selbst die beste gedankliche Vorsorge nützt nichts, wenn die Emotion Überhand nimmt. Leider ist diese negative Art von Gefühlen für mich auf eine recht verstörende und kräftezehrende Art engstens mit den betreffenden Menschen verknüpft – womit wir wieder bei der Ambivalenz wären.

Und vielleicht versteckt sich dahinter doch das stille Vermissen von Menschen. Oder: die überwältigende Summe von Gefühlen, die sich in einem einzigen Menschen widerspiegeln kann. Es hat ja seine Bewandtnis, daß man – Achtung, subtile Vergleiche incoming – an manche Menschen öfter denkt als an andere, daß man über manche öfter spricht als über andere, daß vor dem Einschlafen und nach dem Aufwachen immer der oder die gleichen Name/n durch den Kopf schwirren. Und vielleicht ist die Jagd nach dem Unwiederholbaren in Wahrheit die Suche nach dem Menschen, den genau die gleiche Sehnsucht treibt. Und vielleicht vermisse ich tatsächlich irgendwann mal Menschen. Bis dahin vermisse ich zumindest offiziell weiterhin Gefühle.

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