De·ter·mi·nịs·mus

Neulich war ich zufällig* auf einem Konzert, auf dem Das andere Mädchen™ auch war. Natürlich sind wir uns dort begegnet. Und natürlich wusste ich, daß das passieren würde und habe mich im Vorfeld wahnsinnig verrückt gemacht. Zum einen, weil ich das erste Mal seit langer Zeit wieder wusste, daß wir uns gerade in der gleichen Stadt befanden. Es ließ mich stellenweise in die alten Muster fallen: nervöses Umschauen, hastiges Kopfsenken und -heben, betont lässiges äußeres Auftreten bei völliger innerer Verstörtheit. Aber: positiv. Ich hatte es so kalkuliert. Ich wäre nicht superkurzfristig zu diesem Konzert gegangen, wenn ich gewusst hätte, daß es mich mental zerfrisst. Denn zum anderen: ich freute mich darauf. Angst hatte sich in Neugier verwandelt. Sobald ich den Konzertsaal betreten hatte, hielt ich Ausschau. Gefunden haben wir uns erst nach dem Konzert – was mir ganz recht war – und, naja, es war eigentlich so wie immer und das ist ganz und gar positiv gemeint. Ich verstand die Redewendung „auf einer Wellenlänge liegen“ plötzlich [wieder] sehr gut. Zweieinhalb Jahre später war das eine überraschende, irgendwie unerwartete Wendung. Und doch war es das nicht, denn: war es jemals anders? Nein. Distance tricked us. Und ich war schon immer Experte in unbegründetem Dramatisieren und Overthinking.

Es ist ja sowieso ganz spannend zu beobachten, was man sich so für Vorstellungen von Menschen macht, die nicht in (geographischer und emotionaler) Sichtweite sind. Eva Illouz hat das sehr gut erklärt, als sie schrieb, daß die meisten Menschen dazu tendieren, Dinge zu idealisieren, die in der Ferne liegen, weil sich diese Ideale schwerlich falsifizieren lassen. Laut Illouz funktionieren darum beispielsweise Fernbeziehungen oft über längere Zeiträume als raumnahe Beziehungen oder die Lebensverhältnisse in anderen Ländern scheinen durchaus attraktiver als die im eigenen. In diesem speziellen Fall hier gehen Idealisieren und Overthinking in alle möglichen Richtungen. An vielen Tagen hat mich die (geographische und emotionale) Distanz runtergezogen, mir Angst gemacht und ein extrem negatives Bild (von der Situation und der mit ihr verknüpften Person) erzeugt. An allen anderen Tagen – und die sind deutlich in der Überzahl – war es ein Idealisieren, ein Vermissen (jaja, was kümmert mich mein Geschwätz von neulich?), ein angenehmes Grundrauschen im Unterbewussten, oft auch völlig klar im Bewussten. Nach allem, was in den letzten Jahren und vor allem Monaten an anderen Stellen zerbrochen und vergessen ist, ist es eine sehr aufbauende Erkenntnis, zu wissen, daß da in all den Wirrungen immer noch jemand ist, der sich nicht immer bemerkbar, aber zumindest aufrichtig für einen interessiert. Daß sie mich wohl immer noch nicht zurückliebt: geschenkt. Wahrscheinlich geht es darum schon lange nicht mehr. Eigentlich wollte ich sowieso was ganz anderes erzählen.

*) Neues Stilelement: hier und da werde ich Geschichten um Halbwahrheiten, Fantasien und/oder Lügen ergänzen, kürzen und/oder umschreiben. Generell ist das hier nur das Internet; glauben Sie nicht alles, was hier steht.

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