zweiundvierzig.

Etwa gegen Anfang 2008 hatte sich die zu dieser Zeit Forumsbeauftragte Andrea, die unter muff-potter.net eine Fanpage und unter muff-potter.de das dazugehörige Messageboard betrieb, aus mir nicht bekannten Gründen dazu entschieden, ihre Aktivitäten nicht mehr fortzuführen. Dem Aufruf der Band zum Aufbau einer neuen Plattform inkl. Übernahme von Streetteam-Gedöns bin neben meinem guten Freund  Freund Gavin und dem uns beiden bis heute nicht wirklich bekannten Jens auch ich gefolgt (die beiden nutzen das Internet offenbar mittlerweile zu seriösen Zwecken, während ich immer noch nur so nerdigen Underground-Kram betreibe. Wer Andrea eigentlich ist und was aus ihr wurde, weiß ich nicht). Gemeinsam bauten wir unter die-bordsteinkante.de ein recht schick anzusehendes Forums- und News-Portal auf, das glücklicherweise von den meisten der bisherigen muff-potter.de-Nutzern wohlgesonnen und aktiv angenommen wurde. Daß es überhaupt dazu kommen würde, war zwei Jahre zuvor für mich nicht abzusehen, denn ich hatte mich sehr lange dagegen gesträubt, die Band muff potter. gut zu finden oder mich überhaupt mit ihr zu beschäftigen, da ich mich in meiner Schul- und Jugendzeit leichtfertig dazu entschlossen hatte, alle Bands aus dem Ems- und Münsterland kategorisch als minderwertige Provinzbands wahrzunehmen. Tja. Immerhin war ich lange konsequent und schloss neben diversen Schüler- und Amateurbands eben auch die damals schon landesweit bekannten Donots und eben muff potter. aus. Rheine war für mich lange Zeit nicht mehr als der Ort des ersten Konsums. Media Markt, Karstadt, Kino. Mit der Bahn brauchte ich schon damals nur 12 Minuten. Manchmal habe ich mir ein reguläres Ticket gekauft, meistens habe ich mir ein Kinderticket gekauft und mich zu einer Gruppe jüngerer Schüler gesetzt, später habe ich mir meistens gar keine Fahrkarte gekauft, weil die Kontrolleure meistens in Rheine zu- bzw. ausgestiegen sind. Der Vorteil einer kleinen Stadt am Arsch der Welt.

Die Abneigung gegen besagte Bands will sich auch nicht so recht ändern, als ich mir im Frühjahr 2006 von irgendeiner halbwegs seriösen dubiosen Seite das Von Wegen-Album runterlade (und erst anderthalb Jahre später feststellen werde, daß Den Haag fehlt). Zwar finde ich es recht witzig, daß die Band beim Essen.Original im selben Jahr während des Auftritts von Olli Schulz & der Hund Marie als Curly Crüe über die Bühne springt, aber den nachfolgenden Auftritt verbringe ich lieber damit, vor der Sparkasse sitzend Karten zu spielen. Von muff potter. sehe ich an diesem Abend vielleicht einen oder zwei der letzten Songs, um einen guten Platz für das nachfolgende Konzert von Tomte zu bekommen. In den nachfolgenden Monaten höre ich immer mal wieder sporadisch in Von wegen rein, spüre aber offenbar keinen Funken.

Frühjahr 2007. Auf EinsLive und MTV läuft überraschend oft die neue Single Fotoautomat. Ich bin überraschend überzeugt. Ich befinde mich im letzten Monat meines Zivldienstes, muff potter. spielen zusammen mit Good Shoes und Ash die Visions Spring Tour. Am 7. Mai gibt es ein Konzert im Ringlokschuppen in Bielefeld. Die Visions (oder die Bookingagentur Sparta) verlost Tickets. Wieso nicht? denke ich mir, als ich eine Mail mit dem geforderten Schlagwort heute wird gewonnen, bitte verschicke und nicht so recht verstehe, was es mit dem seltsamen Betreff auf sich hat. Ein paar Tage später bekomme ich eine Antwort und stehe auf der Gästeliste. Ich fahre nach Bielefeld und interessiere mich, wenn ich meiner Erinnerung trauen darf, eigentlich nur für einen Song, obwohl ich mittlerweile Von wegen sogar in der Special Edition gekauft habe. Ich erinnere nicht, ob ich mehr als einen Song mitsingen konnte. Ich finde das Konzert sehr gut und kaufe mir ein olivgrünes T-Shirt – unter anderem allein deshalb, weil ich mir zu dieser Zeit beinahe auf jedem Konzert ein T-Shirt gekauft habe. Immerhin hatte ich im letzten halben Jahr gelernt, Bandshirts in der richtigen Größe zu kaufen, weil ich eingesehen habe, daß ich in all die M-Größen niemals reinwachsen werde. Ash schaue ich mir nicht an, weil ich keine Ahnung habe, wer das ist und am nächsten Tag vermutlich wieder arbeiten musste. Ich bestelle mir Fotoautomat und das dazugehörige Album Steady Fremdkörper bei Amazon.

muff potter. sehe ich in diesem Jahr noch neun weitere Male. Besonders spannend ist der 21. Juli, weil ich nach einem Festivalauftritt von Home of the Lame beim Chez Heinz-Festival in Hannover noch muff potter. beim Open Horizon-Festival in Paderborn sehen will, die wegen eines Armbruchs von Dennis nur zu dritt spielen. Die Donots werde ich an diesem Abend auch noch sehen, aber immer noch nicht mögen lernen. Home of the Lame spielen am späten Nachmittag, muff potter. um sieben. Zwischen den beiden Auftritten liegen etwa zwei Stunden und 150 Kilometer, die berechnete Fahrtzeit beträgt etwa anderthalb Stunden. Mithilfe meines guten Freundes Justin Timeberlake stehe ich gegen zehn vor sieben vor der Bühne. Puh. Witzig, daß die restliche Band Dennis durch ein Gummipferd mit aufgeklebtem Gesicht ersetzt. Nicht so witzig, daß mir während des ersten Songs ein besoffener Typ ins Ohr quatscht, denn ich interessiere mich mittlerweile für weitaus mehr als ein Lied, höre die Songs aus der Zeit vor Von wegen allerdings erstmal nur live, da ich mir bis zu meinem vorletzten Konzert des Jahres nichts weiter kaufe. Die meisten Melodien und Texte lerne ich quasi von Konzert zu Konzert. Es ist der 21. September, als ich mir Bordsteinkantengeschichten kaufe, weil ich gemerkt habe, daß der Fundus dieses Albums – im Gegensatz zu allen früheren Veröffentlichungen – doch recht großen Einzug ins Liverepertoire hält. Die Band spielt an diesem Tag im Dortmunder FZW ein Konzert, das bis heute eines der allerbesten ist, die ich jemals gesehen habe. Für mich ist dieser Freitag der Abschluss einer Woche, in der ich muff potter. zuerst im Kölner Underground und tags darauf abermals in Bielefeld, diesmal im Kamp, gesehen habe. Unter allen Back-to-back-Konzertreisen mit ein und derselben Band sucht dieser Hattrick im Goldenen Herbst immer noch seinesgleichen. Die Teenage Angst und der Kleinstadtlebenhass sprechen mir, der zwischen Abitur und Studium gerade noch zwei Städte entfernt von Rheine wohnt, aus der Seele.

Exkurs: genau eine Woche nach dem Open Horizon-Festival lese ich Nagels Debütroman Wo die wilden Maden graben innerhalb weniger Stunden, weil ich mich weigere, mich nochmal in den Morast des Omas Teich-Festivals zu stellen. Ich konstatiere:

In was für einer Einöde man hier lebt, wird einem nur allzu bewusst, wenn man Nagel’s Wo die wilden Maden graben liest. Daß man weiß, daß er die Einöde meint, in der man selbst lebt, liegt daran, daß die Einöde, die er in seinem Buch beschreibt, zwei Städte weiter stattfindet. Raus, raus, raus, raus. Jetzt erst recht.
Die Flucht in die nächste Universitätsstadt sieht verlockend aus, ist aber nur ein halber Schritt. Fünfzig Kilometer sind nichts. Für den Übergang vielleicht ganz in Ordnung, nicht aber für die Ewigkeit. Zu groß ist die Gefahr, doch wieder in der Provinz zu versacken. Geographisch zwar durchaus günstig gelegen, weil alles, was man erreichen will, binnen relativ kurzer Zeit und Strecke erreichbar ist, fragt man sich dann aber doch, ob es das ist, was man will, ob es nicht doch vielleicht besser wäre, ein paar Veranstaltungen direkt vor der Tür zu haben, als viele Veranstaltungen in kilometerweiter Entfernung zu besuchen. Abwägen, Prioritäten setzen. Drei Städte. Zweimal Provinz, einmal Landeshauptstadt. Zweimal gute Lage, einmal gute Stadt. Aber ob die gute Stadt etwas für die Ewigkeit ist? Alt werden will ich dort zumindest nicht. Dann wird es mich wahrscheinlich zurück in die Provinz ziehen, ganz spießig. Zurück in den alten Trott, aber wenigstens sesshaft. Genau an dem Punkt ankommen, den man heute verachtet. Verstößt das gegen die eigenen Prinzipien? Nicht, wenn man sich dessen schon von vornherein bewusst ist.
Einen Lebensplan erstellen, meiner Meinung nach ist das vollkommen legitim. Es geht ja auch nur um die äußeren Umstände. Kinder möchte ich nicht in die Großstadt setzen. Dann doch lieber in die Provinz oder eine der angesprochenen Universitätsstädte. Ganz einfach, weil ich weiß, daß man hier eine gute Kindheit haben kann – wenn man will. Vom Land in die Großstadt ist der Weg eher einfach, andersrum eher nicht. Andererseits: In der Provinz versackt das Kind, geht zu Schützenfesten und betrinkt sich ständig. Wenn nicht, wird es ausgeschlossen. So einfach ist das. In der Großstadt hätte ich hingegen einfach ein schlechtes Gefühl. Immer. Universitätsstadt als Mittelweg? Anscheinend. Müsste ich spontan wählen, ich würde mich für die größere der beiden entscheiden, aus reinem Bauchgefühl heraus.

Ach ja: die-bordsteinkante.de. Während die Band vergisst, sich aufzulösen, basteln wir zwischen WeisheitDemenz und die ärzte-Vorprogramm fleißig an besagter Community. Als ich mich der Band im Juni 2008 im Rahmen des Osnabrücker Schlossinnenhof Open Airs vorstellen möchte – wir hatten bisher nur per Mail korrespondiert –, muss ich feststellen, daß „die Band-StaSi“ mich MySpace sei Dank schon kennt. Merke: stalking is a two-way road. Ich erfahre, daß der Geburtstagshase, der Nagel in Hannover erreichen sollte, in der die ärzte-Bühnengeschenkekiste verschwunden ist. Daß Nagel „verspricht, […] sich Happy Birthday auf den A…. tätowieren zu lassen„, ist aus meiner Erinnerung verschwunden. Dagegen nicht vergessen ist, wie wir nach dem die ärzte-Konzert in der Seidenstickerhalle in – surprise, mal wieder: – Bielefeld vor dem Ein- bzw. Ausgang stehen und die zugegebenermaßen nicht sehr schicken 15 jahre muff potter.-Sticker verteilen, als der Hausmeister zornig auf uns zu kommt und uns mit Hinweis auf die auf dem Boden liegenden Flyer (!), die vor (!) dem Konzert verteilt wurden und außerdem für die ärzte (!) werben, fragt, ob wir denn den ganzen Scheiß danach gefälligst wegfegen würden. Wir sind verdutzt, versuchen vergeblich, ihn von der Sachlage zu unterrichten und verdrücken uns, sobald er sich umdreht. Von diesen Stickern habe ich immer noch grob geschätzt 500 Stück zu Hause rumliegen. Die Band sitzt derweil entspannt auf Campingstühlen vor der Halle und kriegt von all dem nix mit. Weiterhin erinnert sind dutzende „muff potter.? Ich kenn‘ nur Harry Potter / Puffmutter!“-Scherzbolde und ein paar Dialoge mit Bandmitgliedern, die mir im Nachhinein so unangenehm sind, daß ich sie nicht öffentlich wiedergeben möchte.

In der zweiten Jahreshälfte sehe ich muff potter. noch drei weitere Male: auf dem Rocken am Brocken-Festival, auf dem ich großartige Fotos machen kann (auch von Turbostaat), die jedoch zusammen mit Fotos vom R.E.M.-Konzert in der Berliner Waldbühne hoffnungslos auf einer zerschossenen Festplatte vegetieren. Die anderen beiden Konzerte finden in Hamburg statt. Das erste ist ein Solikonzert für das Molotow und für mich das erste und letzte Konzert, das ich im alten Molotow sehen werde. Es fängt nicht gut an: während ich in der Umbaupause nach der Chinaski Jugend aus dem Keller nach oben gehe, um eine Freundin zu suchen, fängt die Band unten schon an. Born blöd. Für mich ist das schon einige Zeit der beste Song aller Zeiten und die Band spielt ihn für meinen Geschmack nicht oft genug. Ich eile nach unten und kriege immerhin noch die zweite Hälfte des Songs mit, aber das Konzert ist an dieser Stelle für mich eigentlich schon gelaufen. Fuck. It. All. Das Sportfreunde Stiller-Shirt, das ich an diesem Tag trage, ziehe ich danach nie wieder an, wenn es irgendwo darum geht, pünktlich zu sein. Das letzte Konzert ist wieder in Hamburg, am anderen Ende der Reeperbahn in der Großen Freiheit, als Vorband von Kettcar. Ich habe keine Lust, mir Kettcar alleine anzusehen und gehe nach der Vorband. Ich hatte Kettcar bis dahin zum einen nicht alleine und zum anderen noch nie in Hamburg gesehen. Ich hielt es für einen guten Gag, das fortzuführen. Glücklicherweise habe ich die Band mittlerweile mehrfach alleine sowie in Hamburg gesehen. Nagel wird mich später bitten, einen möglichst ranzigen Konzertbericht über diesen Vorbandauftritt zu schreiben, weil die Band plant, die Pressemappe für ihr neues Album als eine Art Fake-Fanzine zu gestalten (warum ist das eigentlich noch nicht bei eBay aufgetaucht?). Der Text gerät etwas aus dem Ruder und ist hier und da zu unpointiert, soll hier aber der Vollständigkeit halber rezitiert werden:

Irgendein verregneter Dezembersonntag in Hamburg im Jahr 2008. Draußen ist es rattenkalt und ich bin nicht nur deshalb froh, daß ich erst irgendwann spät nachmittags voll verkatert zwischen leeren Bier- und Schnapsflaschen aufwache. Auf dem ersten Weg zum Kühlschrank stolpere ich über eine halbvolle Pulle und reiße noch im Halbschlaf ein halbes Dutzend Poster von der Wand. Usi wird mich killen, wenn sie das sieht. Sie und Henne schlafen im Schlafzimmer und weil durch die Tür undefinierbare Geräusche dringen und man nie so genau weiß, was man unfreiwilliger Weise sieht, wenn man einfach so unangekündigt rein platzt, hämmere ich drei Mal so laut gegen die Milchglasscheibe an der Tür, daß es auch die Nachbarn mitbekommen haben sollten. Keine Reaktion. 15 Minuten später sind die beiden mit was-auch-immer fertig und schieben sich nacheinander an mir vorbei ins Badezimmer. Irgendwann sind alle halbwegs sauber und wir können endlich runter zu Penny, neues Bier holen. Jeder zwei Sixpacks untern Arm, ein paar kurze in die Jackentasche und ab geht’s zur S-Bahn, wo wir noch Hennes Schwester abholen müssen, die gerade vor einer Stunde in Bremen gelandet ist, weil sie von einem Schüleraustausch aus Dublin wieder kommt. Das würde ich mir auch mal gern leisten, extra für ein Konzert so dermaßen dekadent einzufliegen.
In der Wartezeit zischen wir jeder anderthalb Bier und nachdem die S-Bahn angekommen ist, schleppen wir fix die Koffer in den vierten Stock. Hennes Schwester beschwert sich über das verstopfte Klo und erst da fällt mir auf, daß sie Recht hat. Irgendwer muss da letzte Nacht noch einen gewaltigen Klumpen abgesetzt haben und ich weiß nur, daß ich es auf keinen Fall gewesen bin. „Egal jetzt, pissen kannst du auch drüben!“ schallt es von Usi quer durch die Wohnung und zwei Bier später machen wir uns auf den Weg in die Große Freiheit, wo heute muff potter. und Kettcar spielen. Eigentlich sollte der Einlass schon lange gestartet sein, aber alles, was wir sehen, ist eine verschlossene Eingangstür und eine meterlange Schlange. Die müssen ja schon Stunden hier stehen, denke ich und lache mir innerlich einen ab, weil ich nie verstehen werde, wie man schon Stunden vor Konzertbeginn in der Kälte stehen kann. Kälte ist das Stichwort. Mir frieren die Zehen ab und keine Jacke mitzunehmen, war bei diesen Temperaturen auf jeden das dümmste, was man machen kann. Wir wärmen uns so gut es geht an unseren Bieren und durch die Wände ballert derweil von drinnen ein neuer muff potter.-Song vom Soundcheck. Zweimal, dreimal, viermal – irgendwann reicht’s doch auch mal. Fünfmal. Die Dummerchen da vorne checken wahrscheinlich noch nicht mal, was sie da gerade hören. Erst eine halbe Stunde später werden die Tore geöffnet und weil wir mittlerweile frieren wie Löwen in der Arktis, drängeln wir uns durch die Masse nach vorne und sind somit ziemlich schnell drin.
Die gute Stunde Wartezeit verbringen wir damit, uns an den Eingang zu stellen und jeden, der neu rein kommt, genauestens zu mustern und zu kommentieren. „Kommt nur wegen Kettcar.“ „Kommt nur wegen seiner Freundin.“ „Ist noch nie in seinem Leben gekommen.“ Hennes Schwester findet das albern, bringt uns aber zum Glück immer wieder neue Pilssuppe. Eine gute Spießerin, haha.
Kurz vor Konzertbeginn kippen wir uns gemeinschaftlich jeder einen unserer rein geschmuggelten Kurzen hinter die Binde. Henne ist trotz seiner zwei Meter wie immer der erste, der nicht mehr drauf klar kommt und kegelt bereits im ersten Song erstmal schön eine Gruppe Teenie-Mädchen um. „Könnt ihr nicht woanders pogen?“ Wir helfen ihm hoch, doch er kegelt gleich nochmal volle Kanne rein. „Aua!“ Wir lassen ihn liegen, denn mit ihm ist heute nichts mehr anzufangen. muff potter. spielen ihr Set gewohnt gut runter und runter läuft auch das Bier unsere Kehlen. Das zeigt Wirkung, denn Usi geht circa jeden zweiten Song zum Pinkeln. Hennes Schwester managt es zwischen Bruderbetreuung und Mitsingen immer wieder, uns ohne Pause frischen Gerstensaft zu liefern.
muff potter. spielen einen neuen Song und Nagel erzählt irgendwas von Publikumsgesang und Aufnahme und neuer Platte. Geil, Alter, wir auf der neuen muff potter.-Platte! Ich weiß nicht, worum es genau geht, aber als das Publikum lauthals „Die Party ist vorbei“ gröhlt, mache ich einfach mal mit und schreie in den Pausen immer irgendwas dazwischen, damit ich mich auf der Scheibe später auch wirklich wieder erkenne. Von oben höre ich Hennes Stimme und fürchte schon, der Sensenmann hat ihn zu sich genommen, aber er steht wie der alte Papst auf der Empore und krakeelt lauter als alle anderen zusammen. Zum Glück sind ein paar Typen da, die ihn davon abhalten, von da oben ins Publikum zu springen, denn dann wäre die Party echt vorbei. Usi und ich sprinten nach oben, um ihn abzuholen und uns bei den Typen mit ein paar Bier zu bedanken. Als wir wieder unten sind, ist das Konzert vorbei und wir so hacke, daß wir lieber nach Hause gehen, als Kettcar zu sehen, denn die sind seit der Auflösung von …But Alive sowieso nicht mehr sehenswert. Auf dem Heimweg summt Henne immer wieder den gleichen Satz vor sich hin: „Die Party ist vorbei. Die Party ist vorbei. Die Party ist vorbei. Die Party…“ muff potter. haben mal wieder bleibenden Eindruck hinterlassen.

Mein zweites Jahr mit der Band ist vorbei. Ich zähle bislang 20 Konzerte und konstatiere für 2008:

Top Band: muff potter.
Kein neues Album, quasi keine Tour, dafür viele vereinzelte Konzerte mit viel schönem persönlichem Drumrum. Dafür, daß sie es 2008 eigentlich ruhiger angehen wollten, haben sie sich ziemlich in den Vordergrund gerückt.

Für 2009 habe ich bereits eine Vorahnung: „Top auch, daß ich letztens geträumt habe, das neue muff potter.-Album trüge den Titel Ratte. Horrortitel, irgendwie.“ Stattdessen: Gute Aussicht. Vorerst. Im Februar treffen Gavin und ich uns mit Nagel und Brami in Köln anlässlich eines seltsamen Comedy Slam-/Kabarett-/Musikabends, an dem Nagel mit Dagmar Schönleber etwas liest und danach bei schlechten Songs mitsingen muss. Schrecklich. Nebenbei geht es für uns um irgendwelchen Streetteamkram, Social Media-Strategien und sowas (hab‘ ich jetzt auch vergessen leider). Im selben Monat reißen muff potter. mit Videoclub und Ghost of Tom Joad das alte FZW ab und im April stellen Dennis und Nagel ein paar neue Songs in Berlin und Hamburg vor. Ich möchte zumindest eins dieser Duokonzerte sehen und entschließe mich, mit dem Auto nach Hamburg zu fahren. Ich komme erst kurz vorher an, der Laden ist schon zu voll und ich bin wegen der Anfahrt noch gehetzt. Die Songauswahl finde ich auch eher mäßig. Das war den Aufwand nicht wert. Ein paar Tage später treffe ich mich mit Gavin und ein bißchen Videoequipment vor der Werkstatt in Köln. Wir hatten im Zuge der Albumpromo in unserem Forum dazu aufgerufen, Fragen an die Band zu stellen, die nun von uns in einem irgendwie gar nicht so seltsamen Interview gestellt werden, das als Bildaufzeichnung besser wird als es sich währenddessen anfühlt. Die Mädchen, die schon auf das Konzert warten, finden das aufregender als wir. Ich bin ein bißchen tourfaul geworden und sehe die Band gefühlt nur sporadisch.

In Duisburg spielen muff potter. im strömenden Regen ein gutes Set vor einem Haufen Asis. Guter Moment: Asi-Punk zu seinen Kumpels: „Lass uns mal gehen, ich sollte um 23 Uhr zu Hause sein!“ Daß die Band beim Fest van Cleef-Wochenende mitmacht, finde ich nur so mittelgut, weil das Fest van Cleef-Publikum nicht das typische muff potter.-Publikum ist. Die Band wird jeweils als zweite Band des Tages verheizt. muff potter. spielen in Northeim schon wieder im strömenden Regen und stellen treffend fest: „Das Wetter tickt!“ Einen Tag später in Freiburg ist die Band muff potter. um kurz vor 18 Uhr offenbar bereits so knallevoll, daß Brami den Mittelpart von allesnurgeklaut, in dem Nagel eigentlich seine übliche Dankesrede oder sonstigen Schmu preisgibt, einfach duchknüppelt. Obwohl danach die Spielzeit so gut wie abgelaufen ist, erbetteln sich die vier noch die Erlaubnis für einen Song – um dann das ausufernde 100 Kilo zu spielen. Danny Simons is not amused. Zum Abschluss des Wochenendens fangen muff potter. in Essen mit allesnurgeklaut an und ich muss lachen. Zwei Dienstage später vergeht mit dieses Lachen. An diesem Dienstag hat der VfL Osnabrück, bei dem ich zu dieser Zeit in der Einlasskontrolle arbeite, ein Heimspiel. Ich weiß nicht mal mehr, gegen wen – damals wie heute auch völlig unwichtig. Wie immer bei Spielen am Abend überbrücke ich die Zeit bis zur nachmittäglichen Arbeit mit dem üblichen Onlinegeplänkel. Ich checke meine Mails. Bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr bringe ich gegenüber der Freundin nichts als ein unsagbar schwer auszusprechendes „Lies das mal!“ heraus. Sie liest:

28. juli 2009
Von: fuckoffanddie@muffpotter.net An: freunde@muffpotter.net Betreff: good news for people who love bad news

Auch wenn sie diese Band nie gemocht hat und nie mehr mögen wird: sie weiß, was das bedeutet. Keine 10 Minuten später klingelt es, viel Zeit über das soeben Gelesene nachzudenken, bleibt nicht. Fußball-Tickets werden gescannt, aber die Gedanken sind keinen einzigen Moment da, wo sie sein sollten. An mir käme heute vermutlich auch jemand mit einem Eishockey-Ticket vorbei. Trotzdem: keine Frage nach einem Warum?oder Wieso jetzt?. Und doch: tiefe Traurigkeit, aber die Tragweite wird nicht bewusst. Das Spiel gucke ich mir an diesem Tag nicht an. Abends sitze ich alleine vor dem Laptop.

In den nächsten Tagen schaue ich, wo die Band in diesem Jahr noch spielen wird. Es sind zu diesem Zeitpunkt nur eine Hand voll Termine und ich ärgere mich, im Juli nicht auf eins oder mehrere dieser Festivals gefahren zu sein, deren Line Ups ich mir angeschaut hatte. Sofern ich noch kein Ticket für eins der folgenden Konzerte hatte, organisiere ich mir jeweils eins (außer für Stuttgart im August). Den Anfang macht das scheußliche Rocco del Schlacko-Festival, auf dem ich 2006 das erste Mal war und mir vorgenommen hatte, niemals mehr dort hinzufahren. Es war seinerzeit der erste größere Trip, den ich mit dem eigenen Auto unternommen habe und der Püttlinger Parkplatzmorast bunkert sicher noch immer Teile des Unterbodens. Es ist ein sonniger Tag und jeder, den ich treffe, ist gut gelaunt. Die letzten 60 Minuten muff potter. werden – naturgemäß nicht von allen Festivalbesuchern – recht euphorisch aufgenommen. Passend zum Festival dichtet Nagel: „… an der Bushalte sitzen Rocco und Schlacko.“ Macht den Song auch nicht besser.

Schöne Strecke, ja. Aber zeitgleich der letzte Trip, den ich mit diesem Auto unternehme, denn kurz vor Erftstadt geben meine Radlager ihren Geist auf. Samstagnacht, Endstation Kleinstadttanke. Der ADAC braucht Stunden und muss zwei Mal kommen, weil der Sharan mich nicht abschleppen kann und stattdessen ein LKW kommen muss. Die Dorfjugend ist schon nach ein paar Minuten auf ihren fancy Rollern da und checkt ab, wer da nachts an ihren Hotspots abhängt. Ich stelle fest, daß die Gullideckel von Erftstadt in der Kleinstadt hergestellt wurden, in der ich einst wohnte (zwei Städte von Rheine entfernt).

Einen knappen Monat später gibt es nochmal ein Konzertwochenende in meiner erweiterten Homezone (Bielefeld, Dortmund, Bremen) und weil es wie 2007 ins Kamp und ins (neue) FZW geht, fühle ich mich doppelt sentimental. Ich schreibe dazu seinerzeit ein paar Gedanken auf:

Die Vorband Übergangsregierung spielte einen abartigen Mix aus Synthie-Samples und 80er-Bass gemischt mit Indie-Schrammelgitarren und wahnsinnig dämlichen Texten. Offensichtlich fand sie fast niemand gut, geklatscht wurde trotzdem ausgiebig. Für gute Vorbands standen muff potter. bei mir sowieso nie.
Alles war schön und nichts tat weh in der langsamen Version als Opener sorgte bei mir für den ersten emotionalen Höhe- bzw. Tiefpunkt, den ich aber heute und auch in Folge eher als Intro denn als ersten Song wahrgenommen habe.
Born blöd schien mir dann schon der geeignetetere Gehirnhaken als erstes Lied. Zum ersten Mal seit etwas längerer Zeit hatte ich an dem Set nichts auszusetzen, aber wahrscheinlich in erster Linie, weil ich der Band auf den letzten Metern nichts Böses mehr nachsagen will und es bei jedem Song theoretisch das letzte Mal gewesen sein könnte, das man ihn live hört.
Das Kamp war im Vergleich zu 2007 mit seinen damals maximal 150 Leuten diesmal gerammelt voll, wobei man den Eindruck gewinnen konnte, daß jeder Depp nochmal die Gelegenheit eines muff potter.-Konzertbesuches nutzen wollte. Es hielt sich trotzdem in annehmbaren Grenzen und für ein bißchen Pöbel bin ich auch immer zu haben. Der Grat zwischen Pöbelei und übermäßiger Aggression war genau richtig.

Einen Tag später FZW Opening Party in Dortmund. muff potter. spielten erwartetermaßen ein anderes, weil kürzeres Set als in Bielefeld. Leider ist Born blöd geflogen, auf Elend #16, Die Party ist vorbei und Steady Fremdkörper konnte ich schon eher ohne Beschwerde verzichten. Ein allerletztes Mal The Boat mit Chuck Ragan war aber ein sehr guter Ausgleich. Sehr gefreut habe ich mich über die durch Chuck wiederauferstandene Revenge-Tradition von 2007.
Obwohl Art Brut als Headliner gebucht waren, wurde schnell ziemlich klar, daß die meisten tatsächlich wegen muff potter. da waren, weswegen sich die Reihen in der Umbaupause arg lichteten und auch nicht wieder füllten. Schade. Hatte ich Art Brut im Monat zuvor noch ziemlich verrissen, standen diesmal die Vorzeichen sehr gut, denn ich hatte große Lust und war bereit, der Band eine zweite Chance zu geben. Recht schnell kristallisierte sich, daß mich dieser Auftritt mitreißt und ich Art Brut doch wieder mag. Es gab keine überflüssigen Witze, dafür Hits, Hits, Hits – auch wenn ich vielleicht gerade mal vier oder fünf davon kannte. Spätestens mit der Textänderung „I learned my German from a muff potter record“ hatte mich Eddie Argos um den Finger gewickelt, auch wenn er da was falsch verstanden haben muss, weil er der Überzeugung war, das letzte muff potter.-Konzert überhaupt gesehen zu haben.

Um das Wochenende abzurunden, war ich abschließend bei Kontainer und muff potter. im Schlachthof in Bremen. Das Konzert war vom Tower verlegt worden. Den Tower hätte ich viel zu klein gefunden, der Schlachthof dagegen schien mir im Voraus a.) zu groß zu sein und b.) die Tribünen zu nah an der Bühne zu haben (wenig Platz zum Stehen vor der Bühne). Beides erübrigte sich aber, da sich durch die Größe die Menschen gut verteilten und sich der Andrang auf den relativ knapp bemessenen Innenraum in Grenzen hielt.
Kontainer mag ich ja nicht so, finde aber trotzdem, daß sie ganz gute Musik machen. Leider empfand das das Bremer Publikum nicht so, es wurde viel geredet und Aku schien zwischen den Songs teilweise recht hilflos. Sie haben nur gefühlte 5 Songs gespielt, was ein bißchen schade war.
Dem muff potter.-Auftritt hatte ich heute keinerlei Traurigkeit anzubieten. Vielleicht weil mich mit Bremen und muff potter. nicht so viel verbindet wie in Bielefeld und Dortmund. Man muss ja aber auch nicht immer heulen.
Allesnurgeklaut finde ich jenseits von Festivalauftritten – wo ich es sehr mag, wenn Bands ihre Hits am Anfang verbraten – als Opener nicht so umwerfend, zumal das immer mit dem unguten Gefühl einher geht, aller Voraussicht nach im weiteren Verlauf auf Born blöd verzichten zu müssen. Das Set war ähnich aufgebaut wie in Dortmund, es gab am Ende aber wieder Steady Fremdkörper.
Als erste Zugabe gab es das erste Mal in den drei Tagen Ich und so, direkt gefolgt von Born blöd.
Weil es mir an meinem Platz etwas zu dicht gedrängt, aber gleichzeitig zu ruhig wurde, nutzte ich die Gelegwnheit, während der ersten halben Strophe die Seite zu wechseln. Abschließend gab es wieder das Elend #16 und 100 Kilo.

Für die letzten zehn Konzerte (und das Konzert von MUSE ein paar Tage zuvor) kaufe ich mir neue Schuhe. Vor der großen muff potter.-Abschiedstour im Dezember besuche ich Ende November noch zwei Lesungen von Nagel und zwei Konzerte von Hot Water Music, bei denen muff potter. im Vorprogramm spielen. Auf dem Weg zur zweiten Lesung im Cobra-Club in Solingen trete ich auf einer dunklen Wiese in einen großen Haufen Hundescheiße. Am nächsten Tag spielen Hot Water Music in der Essigfabrik und am selben Abend Rammstein in der Kölnarena. Das hatte ich total verdrängt. Der gesamte Bahnsteig ist voller Rammstein-Fans. Interessantes Publikum. Im Zug habe ich eine Diskussion mit zwei Nazi-Hooligans vom Rammstein-Konzert und bin am Ende froh, nicht verprügelt zu werden. Zu Hause gucke ich noch C.R.A.Z.Y. auf arte, um den homophoben Scheiß wieder zu vergessen. Am nächsten Morgen stelle ich fest, warum meine Schuhe nur 7 EUR gekostet haben: sie fangen schon nach zwei Konzerten an, sich aufzulösen. Einen Tag später fahre ich nach Wiesbaden. Die Leute vom Schlachthof verteilen Wunderkerzen, die beim letzten muff potter.-Song (100 Kilo) angezündet werden sollen und gegenüber der Bühne hängt ein großes Banner: „TSCHÖ POTTERS! NIE WIEDER FAHRTWIND?“ Ich fand Hot Water Music und Chuck Ragan nie mehr als okay, aber die gemeinsamen Konzerte mit muff potter. empfand ich immer als sehr entspannt – vor allem auf der Bühne.

Im Voraus habe ich ein Mauerfall-Spezial-Zugticket von Wiesbaden nach Osnabrück gekauft. Da der Zug jedoch erst gegen 4 Uhr fährt und ich ein bißchen erkältet bin, entscheide ich mich wider der finanziellen Vernunft, die HWM-Zugabe zu schwänzen und um 23:20 Uhr die Direktverbindung zu nehmen. Nie mehr Turnstile mit Nagel für mich. Wiesmann steigt ein paar Türen weiter ein. Wie viele Leute sich wohl fragen, ob er da eine Bombe in seinem Flightcase hat? Immerhin trägt er keinen Stahlhelm. Daniel Brühl wacht vom Cover der mobil mit strengem Blick darüber, daß ich nicht einschlafe. Als Alleinreisender im Zug zu schlafen ist auch irgendwie räudig.

Drei Tage später starte ich in die letzten acht Konzerte innerhalb von zehn Tagen und nehme mir vor, später alles aufzuschreiben, was mir so passiert und was ich erinnere. Das Witzige ist: je enger ein Zeitplan ist, je mehr auf dem Papier passiert und je organisierter alles ist, desto weniger gibt es, von dem man später erzählen kann. Klar, ich könnte akribisch wiedergeben, wann ich welche S-Bahn genommen habe und wie viel Zugtickets oder Hotelzimmer gekostet haben, aber das interessiert niemanden. Bis auf ein paar Fragmente schrieb ich außerdem nie etwas davon auf. Was davon übrig blieb:

Pünktlich zum richtigen Tourstart kündigt sich eine Erkältung an, die ich aus Wiesbaden oder dem kalten Schlafzimmer oder so importiert habe. Glücklicherweise kann ich sie im Verlauf der nächsten Tage ausschwitzen. Es ist Weihnachtsmarktzeit. Vor einigen Jahren bin ich mal von Halle nach Hannover gefahren. Auf diese Weise habe ich von den vielen dort Zusgestiegenen gelernt, daß der Weihnachtsmarkt in Goslar nicht nur besonders beliebt ist, sondern auch die streitlustigsten Besucher anzieht. Die Regionalbahnen in Richtung Berlin ziehen aber offenbar ein ganz eigenes Publikum an:

muff potter. spielen im Astra das längste Konzert, das ich bisher von ihnen gesehen habe. 23 Songs. Und dabei sogar früher aufgehört als gewollt: Brami hat einen Krampf in der Hand und die Band muss frühzeitig ohne 100 Kilo von der Bühne. Dafür spielt sie zum ersten und letzten Mal auf dieser Tour Mein Schützengraben. Am nächsten Tag freue ich mich in Leipzig darüber, im Hostel ein Bett im Erdgeschoss zugeordnet zu bekommen. Nicht erfreut werde ich über die Damen in meinem Zimmer sein, die nachts um drei polternd ins Zimmer trampeln. Mein Wecker um 7:25 Uhr wird es ihnen vergüten. Die Zeit vor dem Konzert vertreibe ich mir mit Sushi im Tabetai und schlendere danach durch den Saturn im Hauptbahnhof.

Ich schaue mir gerade das damals neue Album von Lady Gaga an, als mir jemand auf die Schulter tippt. Ich so: HUCH! Er so: Nagel. Die Situation ist mir sichtlich unangenehm, darum frage ich schnell, was er denn hier macht und warum er nicht mit den anderen im Bus mitgefahren ist. Er erzählt mir, daß sie sich jetzt alle hassen (Achtung, Regenbogenpresse, das ist Ironie. In Wahrheit ist Busklimaanlagenluft Gift für erkältete Sänger) und zeigt mir stolz die Twin Peaks Definitive Gold Box Edition, die er im Begriff ist sich zu kaufen. „Aha“, denke ich, „kenne ich nicht.“ Er fragt mich, ob ich für die nächsten Tage noch irgendwas brauche, aber ich bin versorgt und organisiert. Merken Sie sich Folgendes: sollten Sie jemals Fan von irgendetwas werden wollen, stellen Sie bitte sicher, daß die Leute dahinter gute Typen sind!

Abends am Conne Island werde ich in eine Konversation über das Palituch verwickelt, das ich trage. Mir wird erzählt, daß man hier proisraelisch eingestellt und Symbole Palästinas hier nicht erwünscht seien. Ich sage, daß das ja aber ein verfremdetes Kleidungsstück ist, weil es mit Yin/Yang-Symbolen übersät ist. Dennoch wird mir geraten, es beim Einlass nicht sichtbar zu tragen. Ich verstehe bis heute nicht, warum man nicht pro Israel und pro Palästina sein kann. Die Garderobe befindet sich vor der Tür und jeder, der etwas abgeben will, muss mindestens zwei Mal im Kalten stehen. Prima, und nicht mal mein unpolitischer politischer Schal darf mich warm halten. Zum Konzert: wow. Würde mal sagen: genauso gut oder sogar besser als das bisher beste in Dortmund ’07. Was ich daran festmache: ich kann kaum noch stehen. Normalerweise kaufe ich mir nie ein Getränk auf einem Konzert, aber heute komme ich nicht drum herum, mir in der Zugabenpause hastig eine Fanta runterzuschütten. Meine Schuhe sehen aus wie Schwein und ich stinke nach Schweiß und Bier. Erinnert sich noch jemand an die nervigen Hostelmitbewohnerinnen? Eat this!

Am nächsten Morgen verpasse ich beinahe den Zug nach Dresden, weil ich mich verlesen habe. Hätte mir doch eigentlich klar sein müssen, daß der von Gleis 22 abfährt. Mit einem Sprint durch den gesamten Kopfbahnhof schaffe ich es gerade rechtzeitig. Ab Dresden bringt mich eine Direktverbindung nach Wien. Ich sitze in einem Abteil. Ich hasse Abteile. Mir gegenüber sitzt eine alte Dame, die mir mehr oder minder unaufgefordert erzählt, daß sie zu ihrem Stecher fährt. Sie fragt mich, was mich nach Wien führt ich sage romantischer als ich sollte „Die Musik!“. Ich möchte ihr nicht erklären müssen, was Rockmusik ist und sie hält mich den Rest der Fahrt vermutlich für einen Mozartaficionado. Ich hingegen halte viel von der Tschechin, die irgendwann zusteigt. Kennen Sie Nymphomaniac? So ungefähr, aber nur Kopfkino. In Prag stelle ich mich in eine Tür des Zuges und rufe im Hotel in Wien an, weil ich erst nach der sicher zugesagten Zeit am Hotel ankommen werde und verhindern möchte, daß meine schlecht gedeckte Kreditkarte belastet wird. Gegen 18 Uhr in Wien angekommen hetze ich zügig zum Hotel, weil ich zum Club noch durch die ganze Stadt fahren muss. Geil, Doppelzimmer zum Preis eines Einzelzimmers. Direkt an der Donau, nur mein Fenster ist zur falschen Seite raus. Ich hetze weiter zur U-Bahn und von dort in die Straßenbahn, die sehr schön ist, aber einen gewaltigen Nachteil hat: sie hat keine Haltestellenanzeige und ich verstehe kein Wort. Ich muss die Stationsnamen raten und unterliege dabei dem sozialen Druck, nicht zu früh zu drücken. Jeder kennt das: niemand mag den Typen, der an jeder Station den STOP-Knopf drückt und doch nicht aussteigt. Nach jeder Station schaue ich beim Anfahren nach draußen auf das aktuelle Haltestellenschild, um zu sehen, ob ich nicht schon vorbei bin. Endlich rate ich Geiselbergstraße und liege richtig. Die Szene ist nicht sonderlich gut besucht.

Drag the River spielen schon und sind so langweilig, daß ich mich frage, wieso ich mich denn so beeilt habe. Ich hoffe, daß Chris Wollard And The Ship Thieves danach besser sind und werde nicht enttäuscht. Warum im nicht mal halbvollen Club eine Absperrung vor der Bühne steht, wissen vermutlich nicht mal die, die sie aufgebaut haben. muff potter.-Zugabenpause. Ein dickbäuchiges Mädchen drängelt sich nach vorne. Sie steht nun neben mir. Sie fordert lautstark nach Wecker? Tickt. Nicht ein Mal, nicht zwei Mal, nicht drei Mal. Dutzende Male. Hunderte Male. Es ist, als wenn man neben einer Kirchenglocke steht, während sie schlägt. Irgendwann hört sie auf, aber ihr Klang hallt nach. Minutenlang. Immer und immer wieder. Die Band kommt zurück auf die Bühne und rechtfertigt das Nichtspielen des Songs mit einer Standardfloskel à la „Tut uns leid, haben wir nicht geprobt.“ Ich bin doppelt dankbar. Erstens dafür, diesen eher mittelmäßigen Song nicht hören zu müssen und zweitens dafür, daß das dickbäuchige Mädchen nicht gewonnen hat. Zeitsprung: 24 Stunden später in München: Die Band spielt: Wecker? Tickt. Ich muss lachen.

Noch bevor ich am nächsten Morgen am Wiener Westbahnhof in den Zug einsteigen kann, werde ich drei Mal angebettelt. Das passiert mir sonst so gut wie nie, zumal ich auf Konzertreisen die meiste Zeit selbst eher mittellos aussehe. Währenddessen glaube ich, daß die Mitarbeiter der ÖBB verpflichtet sind, sich jeden Abend einen auf ihren geilen railjet zu wichsen. Das Aushängeschild der Österreichischen Bundesbahn ist allerdings zweistellig verspätet und ich friere die ganze Fahrt über. Ich sehne mich zurück in den Eurocity vom Vortag, in dem man in jedem Abteil die Temperatur individuell regeln konnte.

In München fallen mir neben der Ambivalenz zwischen CVJM (linkes Hotelzimmerfenster) und Stripclub (rechtes Hotelzimmerfenster) vor allem die vielen Polizisten auf. Ich schaue in den Kühlschrank: Bitter Lemon. Ich fühle mich verfolgt. Das Backstage, wo das Konzert stattfindet, gefällt mir nicht sonderlich. Die Garderobe befindet sich extrem nah am Eingang und lässt kontinuierlich Zugluft auf die Wartenden rein. Aber solange sich nach dem Jackeabgeben alle schön am Eingang drängeln und vorne massig Platz ist, soll’s mir recht sein. Es ist der erste Tag mit Regen und Tränen.

Den nächsten Tag verbringe ich sieben Stunden in einem Eurocity, immerhin Großraumwagen. Erholung am Offtag geht sicher anders, denn ich bin fix und fertig, als ich gegen 20:30 Uhr im Ruhrgebiet ankomme. Am späten Nachmittag ruft mich meine Mutter an und fragt, wie es so läuft. Ich frage, welcher Wochentag gerade ist. Egal was sie antwortet, am nächsten Tag brauche ich für An- und Abfahrt jeweils nicht mal eine Stunde und kann dementsprechend den ganzen Tag ausschlafen und im Bett abhängen. Aber: ätzendes Publikum heute in Düsseldorf. Für mich das bisher nervigste Konzert dieser Reise, das mir einzig durch einen kompetenten Nebenmann erträglich gemacht wird. Am Merch liegt ein Zettel: „Chris is out of weed. Please help.“

Der nächste Tag wird besonders spaßig: vom Ruhrgebiet geht es zunächst nach Saarbrücken und direkt nach dem Konzert in Richtung Hamburg. Es ist noch nicht mal zwei und der Zugführer grüßt mit „Guten Abend!“, aber ich sag ja meist auch frühestens um 15 Uhr „Guten Morgen.“ Das Konzert in der Garage erinnere ich am allerwenigsten. Der Graben ist viel zu breit, um auch nur einen Hauch Stimmung zu übermitteln. Schade. Auch Herrenmagazin gehen komplett an mir vorbei. Doppelschade. Meine Schuhe sind mittlerweile mit ordentlich Klebestreifen verziert. Tja. Glücklicherweise muss ich die Nacht wider erwarten nicht am Saarbrücker Hauptbahnhof verbringen, sondern bekomme ein warmes Bett angeboten. Allerdings stehe ich auf der Fahrt dorthin Höllenqualen aus – wie jedes Mal, wenn ich bei anderen im Auto mitfahre. Mit 120 km/h durch den Nebel. Warum auch nicht? Lang wird die Nacht auch trotz Kuscheltier und Betthupferl nicht. Schon gegen 4 Uhr steigen wir an irgendeinem Provinzbahnhof in die Regionalbahn, die nur in Städten hält, von denen ich bisher noch nie gehört habe. Außer Idar-Oberstein natürlich, Ursprung einer großen Karriere.

In Hamburg kommen wir gegen Mittag an und verschlafen den Rest des Tages bis zum Konzert. Das Konzert findet in der Markthalle statt, in der ich vorher noch nie war. Ich mag keinen einzigen Club in Hamburg und daran ändert auch die Markthalle nichts. Das Konzert ist insgesamt recht ernüchternd. Auf ClickClickDecker hatte ich mich im Vorfeld mehr gefreut als daß es mir letztlich gefallen hat und auch muff potter. hatte ich dank der komischen Hallenkonstruktion eher anders erwartet. Man kann quasi nur auf der Stelle stehen und das ist das letzte, was ich auf einem muff potter.-Konzert will.

Der darauf folgende Offtag kann im Gegensatz zum ersten tatsächlich als solcher benannt werden, denn ich schaffe es in wenigen Stunden nach Hause und kann mich dort erholen. Am Mittag des 12. Dezember stehe ich abermals vor dem Stadion in Osnabrück und scanne Tickets. Die Gedanken sind abermals keinen einzigen Moment da, wo sie sein sollten. Immerhin: niemand probiert es in einem Eishockey-Trikot an mir vorbei. Oder doch? Egal. Nochmal ein paar Stunden zu Hause aufwärmen, dann nach Münster. Meine Schuhe fallen mittlerweile vollends auseinander.

Als ich in Münster aus dem Zug steige, merke ich, daß sich an einem Fuß die Sohle in der vorderen Hälfte komplett vom Schuh löst. Ich schleppe sie ins Jovel und treffe zufällig auf Brami, Shredder und Ole (den Backliner). Ich frage Ole, ob er ein bißchen Gaffatape übrig hat, aber natürlich hat er keins dabei. Heute weiß ich: niemand hat jemals Gaffatape – und erst recht nichts davon für andere übrig! Ich bin leicht verzweifelt, weil meine Socken schon aus der Schuhspitze gucken, entdecke jedoch ein paar Plakate an den Wänden, die mit Gaffa befestigt sind. Ich gehe die Plakatwand ab und kann mir am Ende zwei oder drei Lagen Klebeband rund um meinen Vorderfuß schnallen. Für heute wird’s noch reichen (und für ein paar Konzerte danach sogar auch, selbst wenn der Look sogar mir bald zu ranzig wird). Ghost of Tom Joad spielen heute gefühlt nur vier oder fünf Songs, weil die PA ständig rumzickt. Mitten im Set erschüttert ein gigantisches FOH-Feedback den ganzen Saal. Hallo wach. Mein 42. und letztes muff potter.-Konzert möchte ich mir in Ruhe angucken und gehe mit auf das Podest links vor der Bühne. Alles war schön und nichts tat weh halte ich dort gerade noch so aus. Danach geht es abwärts.

01.) 25.08.06 nur*so, Phoney14, Sheynao, Alpha Boy School, Schrottgrenze, Pale, Olli Schulz & der Hund Marie, muff potter., Tomte – Essen.Original
02.) 07.05.07 Good Shoes, muff potter. – Bielefeld, Ringlokschuppen
03.) 15.06.07 muff potter. – Münster, Kebap Haus Bosporus
04.) 16.06.07 Astairre, Jupiter Jones, muff potter. – Rock Airea-Festival – Oberhausen, Trendsportpark
05.) 21.07.07 muff potter., Donots, Virginia Jetzt! – Open Horizon-Festival – Paderborn, Apollo-Zelt
06.) 24.08.07 Pale, muff potter. – Viertelfest – Bremen, Kunsthalle
07.) 14.09.07 Kilians, Chuck Ragan, muff potter. – Rock am Pferdemarkt – Lingen, Pferdemarkt
08.) 19.09.07 Chuck Ragan, muff potter. – Köln, Underground
09.) 20.09.07 Chuck Ragan, muff potter. – Bielefeld, Kamp
10.) 21.09.07 Chuck Ragan, muff potter. – Dortmund, FZW
11.) 15.11.07 muff potter. – Osnabrück, Rosenhof
12.) 08.05.08 Kontainer, Walter Schreifels, muff potter. – Hamburg, Uebel & Gefährlich
13.) 10.05.08 Pepstalkers, Walter Schreifels, muff potter., Hot Water Music – Münster, Skater’s Palace
14.) 05.06.08 muff potter., die ärzte – Hannover, TUI Arena
15.) 06.06.08 muff potter., die ärzte – Kiel, Ostseehalle
16.) 07.06.08 Kleinstadthelden, muff potter. – Schlossinnenhof-Open Air Osnabrück, Schlossinnenhof
17.) 08.06.08 muff potter., die ärzte – Bielefeld, Seidenstickerhalle
18.) 22.08.08 Ghost of Tom Joad, The Guns, Turbostaat, muff potter. – Rocken am Brocken-Festival – Elend, Gieseckenbleek
19.) 24.08.08 Chinaski Jugend, muff potter. – Hamburg, Molotow
20.) 14.12.08 muff potter. – Hamburg, Große Freiheit 36
21.) 28.02.09 Videoclub, Ghost of Tom Joad, muff potter. – Dortmund, FZW
22.) 17.04.09 muff potter. – Hamburg, Michelle Records
23.) 21.04.09 Chinaski Jugend, muff potter. – Köln, Die Werkstatt
24.) 07.05.09 Matula, muff potter. – Hannover, Musikzentrum
25.) 10.06.09 Herrenmagazin, Trashmonkeys, muff potter. – Campusfest der Universität Duisburg – Duisburg, Campus
26.) 10.07.09 Gisbert zu Knyphausen, muff potter., Kilians, Why?, Tomte, Element of Crime – Fest van Cleef – Northeim, Waldbühne
27.) 11.07.09 Gisbert zu Knyphausen, muff potter., Kilians, Why?, Tomte, Element of Crime – Fest van Cleef – Freiburg, Zeltmusikfestival
28.) 12.07.09 Gisbert zu Knyphausen, muff potter., Kilians, Why?, Tomte, Element of Crime – Fest van Cleef – Essen, Delta Park
29.) 14.08.09 Tuned, Stakeout, muff potter., Samy Deluxe – Rocco del Schlacko-Festival – Püttlingen, Sauwasen
30.) 10.09.09 Übergangsregierung, muff potter. – Bielefeld, Kamp
31.) 11.09.09 Fake Problems, Chuck Ragan, muff potter., Art Brut – Dortmund, FZW
32.) 12.09.09 Kontainer, muff potter. – Bremen, Schlachthof
33.) 29.11.09 Strike Anywhere, muff potter., Hot Water Music – Köln, Essigfabrik
34.) 30.11.09 Ashes of Pompeii, muff potter., Hot Water Music – Wiesbaden, Schlachthof
35.) 03.12.09 Ghost of Tom Joad, muff potter. – Berlin, Astra
36.) 04.12.09 Ghost of Tom Joad, muff potter. – Leipzig, Conne Island
37.) 05.12.09 Drag The River,Chris Wollard And The Ship Thieves,  muff potter. – Wien, Szene
38.) 06.12.09 Drag The River,Chris Wollard And The Ship Thieves, muff potter. – München, Backstage
39.) 08.12.09 Drag The River,Chris Wollard And The Ship Thieves, muff potter. – Düsseldorf, Zakk
40.) 09.12.09 Herrenmagazin, muff potter. – Saarbrücken, Garage
41.) 10.12.09 ClickClickDecker, muff potter. – Hamburg, Markthalle
42.) 12.12.09 Ghost of Tom Joad, muff potter. – Münster, Jovel 

Advertisements